Notizen zur Machtstruktur des Web-Kommentars

Kommentare sind ein wesentliches Element des Mitmach-Webs: Wenn Online-Texte nicht nur gelesen, sondern auch kommentiert werden können, verwandeln sich vormals passive Konsument(inn)en in aktive Produzent(inn)en: Kommentieren heißt partizipieren.

Die These, die im Folgenden begründet werden soll, mutet vor diesem Hintergrund paradox an. Sie lautet: 

Die primäre Funktion des Web-Kommentars besteht nicht darin, Partizipation zu ermöglichen, sondern hierarchische Machtstrukturen zu etablieren und zu festigen: Kommentare führen nicht zu einer echten Ermächtigung der Rezipient(inn)en, sondern tragen regelmäßig zu ihrer Ohnmacht bei.

Im Prinzip gilt das für alle Formen des Kommentars: vom empörten Widerspruch auf der Seite eines persönlichen Blogs mit einstelligen Zugriffszahlen bis zur engagierten Diskussion von Texten, die sich an ein Millionenpublikum richten.

Am deutlichsten werden die relevanten Strukturen, wenn Texte mit großer Reichweite hundert- oder gar tausendfach kommentiert werden. Beiträge in Online-Zeitungen wie SPIEGEL, FAZ oder WELT erfüllen diese Bedingung und stehen daher beispielhaft im Mittelpunkt der Analyse.

Zur Begründung der These:

1. Der Kommentar ist eine Textsorte multipler Abhängigkeiten 

Zunächst gilt, dass der Kommentar per definitionem von einem Bezugstext abhängig ist, während andere Texte für sich alleine stehen können: Ein SPIEGEL-Artikel bleibt auch ohne Kommentar ein SPIEGEL-Artikel.

Darüber hinaus kann ein Text nur dann kommentiert werden, wenn dies technisch ermöglicht wird. Wer einen Kommentar schreiben will, ist daher abhängig von den Entscheidungen anderer: Die Kommentarfunktion lässt sich aktivieren oder deaktivieren. Kommentare lassen sich freischalten („approve“), löschen („Trash“) oder sogar manipulieren („edit”). Der Betreiber einer Webseite kann festlegen, unter welchen Bedingungen kommentiert werden darf, und beispielsweise Kommentar-Rechte an die Mitgliedschaft in einer Community knüpfen (wie z.B. bei der WELT). 

Kurz: Wer kommentieren will, muss die Machtstrukturen akzeptieren, die durch andere definiert werden.

2. Der Kommentar ist dem Bezugstext zweifach untergeordnet

Ein Kommentar hat im Vergleich zu seinem Bezugstext in der Regel weniger Gewicht, weniger Bedeutung: Nur ganz selten können Kommentare mit der Reichweite und Wirksamkeit ihrer Bezugstexte konkurrieren.

Diese Bedeutungs-Hierarchie spiegelt sich im Aufbau und in der Ästhetik einer Webseite wider: Kommentare erscheinen in der Regel unterhalb des Bezugstextes. Auf einigen Seiten (z.B. SPIEGEL-Online) bleiben sie standardmäßig ausgeblendet, bis der Kommentarbereich durch einen Klick aktiviert wird. 

Kurz: Layout und Funktionalität zementieren die untergeordnete Rolle des Kommentars.

3. Typografische Machtstrukturen führen zu einer subtilen Entwertung des Kommentars

Auf den Seiten großer Online-Zeitungen (SPIEGEL, FAZ, WELT etc.) sind die Machtstrukturen der Buchkultur uneingeschränkt wirksam: Einflussreiche Redaktions-Gatekeeper entscheiden nach intransparenten Kriterien, wem sie das Placet erteilen und wessen Texte zurückgewiesen werden. Eine Türhüter-Elite entscheidet über die Reichweite von Thesen, Ideen und Meinungen.

Der Intention nach soll der typografische Gatekeeper-Mechanismus dazu beitragen, die Qualität der Texte zu garantieren. Dass das – euphemistisch gesagt – nicht immer funktioniert, zeigen aktuelle Beispiele aus dem Bildungsbereich. Hier gelingt es offenbar mühelos, immer wieder tendenziöse Beiträge über „Homeschooling“ an den Gatekeepern vorbeizuschleusen, einem Millionenpublikum uninformierte Privatmeinungen aufzutischen oder  Blender(innen) zu Retter(inne)n der Bildung zu erklären.

Auch die Tatsache, dass in schöner Regelmäßigkeit reaktionäre pädagogische Positionen aufgegriffen und mit ungeheurer Reichweite versehen werden – zuletzt z.B. in der SZ und im SPIEGEL die Verklärung des Schulfernsehens als „Heilsbringer“ – nährt die Zweifel an der Qualitätskontrolle der Online-Türhüter. 

In solchen Fällen produzieren die typografischen Machtstrukturen Texte, die qualitativ mangelhaft sind und dennoch große Wirkung entfalten können. Das führt zu einer zusätzlichen Degradierung des weit weniger sichtbaren Kommentars, der sich aus seiner untergeordneten Position lediglich an minderwertigem Material abarbeiten kann.

Kurz: Das kommentierende Fußvolk muss sich mit dem begnügen, was ihm die Auserwählten zum Fraß vorwerfen – auch wenn das ungenießbar ist.

4. Kommentare als Form der Scheinbeteiligung

Vor dem hier skizzierten Hintergrund erscheint der Web-Kommentar als essentiell abhängige, hierarchisch untergeordnete und durch typografische Machtstrukturen geprägte Textsorte. 

Je mehr Reichweite ein Beitrag besitzt und je mehr Kommentare er auslöst, desto schneller konvergiert die Bedeutung eines einzelnen Kommentars gegen Null. Paradoxerweise wird die schiere Anzahl dieser bedeutungs- und wirkungslosen Kommentare dann – nicht zuletzt von Algorithmen – als Indiz für die Bedeutung und Wirkung des kommentierten Beitrags gewertet. Neben Klicks und Likes werden Kommentare auf diese Weise zu einer quantifizierbaren Aufmerksamkeits-Währung. 

Kurz: Ein demokratisches Partizipations-Instrument verkümmert zu einem stumpfen Werkzeug der Scheinbeteiligung.

5. Selbst-Ermächtigung als Ausweg aus der Kommentarkrise

Wie man die Machtstrukturen aushebelt, die den Kommentar marginalisieren, hat Sascha Lobo in seinem Debatten-Podcast gezeigt – allerdings nicht inhaltlich und explizit, sondern strukturell und implizit.

Das Konzept des Podcasts ist einfach: Aus den (oft mehr als 1000) Kommentaren zu Lobos aktueller SPIEGEL-Kolumne wird eine Handvoll ausgewählt und in einer eigenen Podcast-Folge besprochen – teil wohlwollend, teils neutral, teils spöttisch. 

Entscheidend ist, dass sich Lobo nicht selbst in die Niederungen der Kommentare begibt, sondern seine Machtposition nutzt, um eine Meta-Ebene zu etablieren: Er wählt nach seinem Gutdünken einzelne Kommentare aus und macht sie zum Gegenstand eines Podcasts, der erneut der Gatekeeper-Logik folgt. Denn schließlich darf nicht jede(r) beim SPIEGEL einen Podcast produzieren und darin Kommentare zu seinen Texten kommentieren.

Sowohl die Auswahl der Kommentare als auch ihre Kommentierung auf der Meta-Ebene des Podcasts sind Ausdruck von Macht. Das ist keine Kritik an Lobo, sondern eine einfache Beobachtung und Beschreibung. Sie zeigt, dass man Kommentare aus ihrer untergeordneten Rolle befreien kann, indem man die Ebenen wechselt.

Einen solchen Wechsel der Ebene kann man – gleichsam en miniature – bei Twitter am Beispiel des „Drüber-Kommentars“ (aka DrüKo) beobachten. Eine Antwort auf einen Tweet folgt standardmäßig der Logik des Kommentars und erscheint unterhalb des jeweiligen Beitrags. Diese Logik durchbricht der DrüKo. Wer ihn nutzt, platziert den eigenen Text oberhalb des Tweets, auf den man reagiert. Das sieht z.B. so aus:

(Quelle des Screenshots)

Der Drüko verleibt sich den zitierten Tweet (fast) vollständig ein: Zwar wird die Urheberin des Original-Beitrags noch darüber informiert, dass ihr Tweet zitiert wurde, von allen weiteren Reaktionen auf den DrüKo bleibt sie jedoch abgeschnitten. Der DrüKo ist daher ein Machtinstrument: Er erlaubt es, die Kontrolle über einen Teil der Aufmerksamkeit zu übernehmen, die einem fremden Tweet zuteil wird. Jeder Twitter-Drüko in einer Timeline kann daher als Versuch gelesen werden, der inferioren Rolle des Kommentars zu entkommen.

Wer daran zweifelt, dass sein Beitrag tatsächlich als bereichernder Kommentar gewertet wird, wer annehmen muss, dass seine Stimme nicht gehört wird, sondern Teil einer quantifizierbaren Aufmerksamkeits-Kakophonie wird, sollte sich durch die aufgezwungenen Machtstrukturen des Kommentars nicht unterjochen lassen, sondern sich selbst ermächtigen und an geeigneter Stelle eigene Inhalte produzieren.

Das ist kein Abgesang auf die Kommentar-Kultur. Im Gegenteil: Es ist ein Aufruf, künftig vor allem an den Stellen im Netz zu kommentieren, an denen diese Beiträge angemessene Wertschätzung erfahren.

3 Gedanken zu “Notizen zur Machtstruktur des Web-Kommentars

  1. Interessante Ausführungen! Ich möchte zwei Aspekte nennen bzw. ins Spiel bringen:

    1.) Auch wenn ich damit auf die Machtstrukturen Dritter setze, kann ich Beiträge (insbesondere auf Blogs etc) auch mit einer zweiten Ebene wie z.B. Hypothes.is kommentieren. Damit umgehe ich die Macht des/der Autors/Autorin und kann sie so zumindest ein Stuck weit außer Kraft setzen oder sogar einschränken. Auch wenn ich dabei – wie gesagt – prinzipiell nur auf die Strukturen Dritter ausweiche.

    2.) Auf Plattformen wie Reddit und YouTube kann die Community Kommentare bewerten und „hochvoten“ — wie passen diese Mechanismen in deine Gedanken? Natürlich kann auch dieser Mechanismus als Aufwertung des ursprünglichen Beitrags gesehen werden, da noch mehr Interaktion erzeugt wird (Reichweite/Aufmerskamkeits-Währung). Dennoch hat so die Community als Ganze mehr Macht über die Kommentare als der/die Autor:in.

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    • Danke für den Kommentar 😉

      ad 1:

      Das Ausbrechen aus den vorgegebenen Strukturen auf Ebene 1 (z.B. Blog) in Strukturen auf Ebene 2 (z.B. Hypothes.is) ist genau der Ebenen-Wechsel, den ich als „Befreiungsakt“ bezeichnen würde.

      ad 2:

      Das Kommentar-Voting ist ein Mechanismus, der dazu beitragen kann, einzelne Kommentare aus einer anonymen Masse herauszuheben. Dadurch würde aber eher die These bestätigt, dass die Einzelkommentare in der Regel untergehen.

      Und auch das Voting kommt nur in die Gänge, wenn der Urheber des Beitrags (z.B. bei YT) die Kommentare aktiviert.

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  2. Im Kern geht es nicht nur im Web um einen (zunehmend algorithmisch vermuteten) Rezeptionserfolg. Das Auswahlkriterium für einen Text ist nicht „stimmt er“. Das Auswahlkriterium ist der (vermutete) Erfolg des Textes, weil das im Kern immer einer kapitalistischen Logik folgen muss. Der Text halt dann seine Schuldigkeit getan, wenn er ausreichend wahrgenommen ist, um bestimmte Funktionen für den Gatekeeper zu erfüllen (vielleicht sowas wie Suchmaschinenranking, Monetarisierung durch Datensammlung oder Werbeeinnahmen). Durch Reproduktion von verbreiteten Denkmustern klappt das. Die Kommentarfunktion trägt technisch dazu schlicht nichts bei, sondern ist ein sehr schwaches Vorgaukeln einer Partizipationsmöglichkeit. Das kann man kritisieren, wird es aber dadurch nicht verändern, solange das im Kern kapitalistische Setting strukturgebend ist.

    In der Lehrerblogszene Anfang der 2010er hat das mal anders funktioniert – Kommentare haben sich z.B. bei mir direkt auf Unterrichtsqualität oder Inhalte von Blogartikeln ausgewirkt. Aber der Kommentar dort erreichte nie die vermutete Wahrnehmung von heutigen z.B. Twitter-Threads. Und Engagement braucht ideelles Kapital, z.B. momentan vor allem Aufmerksamkeit.

    Man kann auf andere Dienste ausweichen, die Machtverhältnisse vorgeblich brechen. Vorgeblich deshalb, weil der reale „Machtbruch“ (Macht vollzieht sich nicht auf einer individuellen Ebene) eng mit der resultierenden Aufmerksamkeit einhergeht. Was im Netz nicht gelesen wird, ist schlicht nicht bzw. lediglich rein formal existent.

    Diese Form von Gatekeeping ist strukturell nicht neu. Das gibt es es auch in z.B. der Wissenschaftsszene – folgt dort aber etwas anderen Gesetzmäßigkeiten und Regeln, z.B. bedarf es eines bestimmten Sprachduktus, bestimmter Plots und am besten Unmengen von Zitaten, damit ein Text das Prädikat „wissenschaftlich“ erhält. Damit setzt m.E. insbesondere Geisteswissenschaft oft Maßstäbe, die nur bestimmte Texte zulässt, die von außerhalb nur unglaublich schwer rezipierbar sind – schon aufgrund der sprachlichen Barriere und der „Plots“, z.B. erstmal sauber den behandelten Begriff in seiner Geschichtlichkeit darstellen, definieren und abgrenzen. Das ist objektiv vielleicht wichtig und richtig, aber eben nicht kompatibel mit Sphären, die strukturell anders funktionieren.

    Diese Texte bringen Gatekeepern da draußen nichts von dem, was mit einer kapitalistischen Logik vereinbar wäre. Die Aussagen und Denkmuster sind oft nicht kompatibel mit etablierten Denkstrukturen – das Risiko einer Veröffentlichung schlicht zu groß. Um „Subcommunities“ zu bilden, die Anerkennung und auf lange Sicht eine gewisse Reichweite generieren zu können, gibt es meiner Ansicht nach zu viele Barrieren, die durch das Gatekeeping der Wissenschaftssphäre bedingt sind. Und sie zerfallen mit der Zeit, weil sie das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit meist nicht decken können.

    Öffentlich-rechtlich finanziert geht sowas und wird ja auch gemacht, weil sich dieser Ansatz kapitalistischen Marktlogiken entzieht. Aber insbesondere die geringe Reichweite der Produkte dient dann oft genug als Argument für Relevanzdiskussionen.

    Ein Sascha Lobo kann mit diesen Mechanismen brechen (er schreibt ja oft gegen den Strich) und sich Dinge herausnehmen – weil er eine Marke ist und sehr sorgfältig über Jahre seine Spur im Netz „geowned“ hat. Klar ist die selektive Auswahl von Kommentaren bei ihm letztlich ein Ausdruck von Macht.

    Würde eigentlich die Bewertung dieser Mechanismen verändert, wenn sich die eigene Perspektive verändert, z.B. wenn man selbst derjenige wäre, auf den „gehört“ wird?

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