Wie man YouTube-Kids mit Tokio-Hotel-Angie den Medienbegriff McLuhans erklärt

Bekanntlich begreift McLuhan jede „Ausweitung unserer eigenen Person“ (1964, S. 21), mit deren Hilfe wir unsere Sinne erweitern und unsere Organe ergänzen, als Medium. Neben dem gesprochenen Wort, der Telegrafie, dem Kino und dem Radio fallen daher beispielsweise auch Straßen, Uhren, das Fahrrad und Waffen unter den Begriff „Medium“, dessen theoretischer Nutzen mit größer werdendem Umfang zusehends schwindet.

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Das Zugabteil als Skeuomorphismus – oder: Warum man in der Bahn Bücher liest

Am 20.10.2017 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel mit dem Titel „Bloß nicht reden“ von David Denk, der sich mit der Abschaffung der Abteile im neuen ICE 4 beschäftigt. Kernthese des Textes: Das gute alte Zugabteil hat ausgedient, weil sich der moderne Mensch nicht mehr mit anderen unterhalten will. Es sei uns, so Denk, „inzwischen unangenehm, von lauter Fremden umzingelt zu sein.“

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Lob der negativen Kritik

Wenn man sich in aktuellen Debatten ablehnend zu Vorschlägen aus dem Bereich der Bildung unter den Bedingungen der Digitalität (kurz: „digitale Bildung“) äußert, d.h. wenn man z.B. das Konzept des FlippedClassrooms, den Einsatz von Kahoot, H5P etc. kritisiert, trifft man immer häufiger auf das folgende argumentative Muster:

  1. Dem Kritiker wird vorgeworfen, er sei im Hinblick auf X (z.B. die Gestaltung einer Unterrichtsstunde mit digitalen Medien) lediglich destruktiv-ablehnend und habe selbst keine konstruktiv-weiterführenden Alternativen anzubieten.
  2. Aus (1) wird dann das Recht abgeleitet, die Kritik so lange zu ignorieren bzw. nicht ernst zu nehmen, bis der Kritiker selbst (zumindest theoretisch) gezeigt hat, wie X besser geht.
  3. Verschärft wird (2) häufig durch die Forderung, dass der Kritiker auch beweisen müsse, dass er X  (in der Unterrichtspraxis) besser könne als der Kritisierte.

Auf den ersten Blick mag dieses Reaktions-Schema zumindest dann seine Berechtigung haben, wenn man sich mit besserwisserischen Nörglern auseinandersetzt, die selbst keine guten Ideen haben.

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Notwendige Neologismen: „Palliative Didaktik“

Palliative Didaktik, die:

Zusammenfassende Bezeichnung für didaktische Maßnahmen, die nicht das Ziel verfolgen, das Schulsystem im Zeichen der Digitalisierung grundlegend zu verändern (bzw. zu „heilen“), sondern lediglich dazu beitragen, dass die Schüler(innen) im traditionellen (bzw. als „krank“ empfundenen) System bestmöglich angepasst sind.

(vgl. auch palliative Technik)

Nachtrag (18.10.2017):

Anlässlich der Veranstaltung „One app fits all – Individuelle Förderung und personalisiertes Lernen im digitalen Wandel“ hatte ich die Gelegenheit, den Grundgedanken der palliativen Didaktik bzw. palliativen Technik etwas ausführlicher zu erläutern:

Notwendige Neologismen: „Palliative Technik“

Palliative Technik, die:

Zusammenfassende Bezeichnung für technische Maßnahmen (Tools, Apps, Whiteboards etc.), die nicht das Ziel verfolgen, das Schulsystem im Zeichen der Digitalisierung grundlegend zu verändern (bzw. zu „heilen“), sondern lediglich dazu beitragen, dass die Schüler(innen) im traditionellen (bzw. als „krank“ empfundenen) System bestmöglich angepasst sind.

(vgl. auch palliative Didaktik)

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Der Wii-Effekt

oder: Warum man Essays in der Schule nicht maschinell auswerten sollte

Jeder, der einmal mit der Wii-Spielekonsole Tennis gespielt hat, weiß es: Zu Beginn versucht man noch, mit der Fernbedienung in der Hand die „echten“ Tennis-Bewegungen nachzuahmen, doch rasch wird klar, dass manchmal nur ein kleiner Dreh mit dem Handgelenk nötig ist, um die Wii-glauben zu machen, man habe einen herrlichen Slice gespielt.

Kurz: Man lernt sehr schnell, dass nicht die „echten“ Tennisbewegungen, sondern die am Algorithmus orientierten „Wii-Bewegungen“ zum Erfolg führen. Und nach einiger Zeit haben die Bewegungen eines erfolgreichen Wii-Tennisspielers nur noch wenig mit den Bewegungen eines „echten“ Tennisspielers gemeinsam.

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YouTube-Lehrer

 

Die coolen YouTube-Lehrer tragen – u.a. durch Formen palliativer Didaktik – maßgeblich dazu bei, dass das alte Schulsystem am Leben erhalten wird. Schlechter Frontalunterricht wird nun in Form von #FlippedClassroom-Videos konsumiert und wie man am besten durch das System kommt („Lernen ist ganz, ganz viel anpassen und Fleiß!) zeigen Videos wie dieses hier:

Das ist das Gegenteil der Bildungsrevolution, die mit solchen Formaten häufig verbunden wird.

Die Top Seven der Common-Sense-Fehlurteile über Medien

1. Medien sind neutrale Mittler, die Informationen von einem Sender zu einem Empfänger transportieren.

2. Neue Medien müssen in den Unterricht integriert werden, weil sie einen wichtigen Teil der Lebenswelt der Jugendlichen darstellen.

3. Medien sind lediglich Werkzeuge, deren Einsatz nur dann gerechtfertigt ist, wenn man damit unabhängig vom Medium festgelegte Unterrichtsziele erreichen kann.

4. Um einzusehen, dass neue Medien für Jugendliche gefährliche Auswirkungen haben, muss man diese Medien selbst nicht nutzen, denn man muss auch nicht selbst Drogen konsumieren, um festzustellen, dass Drogen für Jugendliche gefährlich sind.

5. Durch die Nutzung von Bildschirmmedien gehen wertvolle Primärerfahrungen verloren, die durch medial vermittelte Sekundärerfahrungen nicht angemessen ersetzt werden können.

6. Der Mehrwert digitaler Medien besteht im Unterricht darin, dass man die vorgegebenen Lernziele schneller, besser, leichter, nachhaltiger etc. erreichen kann.

7. Wir müssen uns an die Grundsätze „Pädagogik vor Technik“ bzw. „Didaktik vor Methodik“ halten.