Unter dem Begriff AI Slopversteht man die zunehmende Flut an minderwertigem, KI-generiertem „Datenmüll“, d.h. an Inhalten, die oberflächlich professionell wirken, aber bei näherer Betrachtung generisch, inkohärent, inhaltlich grotesk oder sogar ideologisch hochproblematisch sind.
Die folgende Analyse widmet sich einem Paradebeispiel für dieses Phänomen im Bildungsbereich: Ein Schulleiter lässt seine Vision moderner Führung von NotebookLM visualisieren.
Doch statt einer pädagogischen Zukunftsvision entsteht ein Bild, dessen dystopisch-technokratische Symbolik dem Absender völlig entgangen zu sein scheint. Betrachtet man das Resultat, offenbart sich eine bizarre Szenerie:
Verwaltung wird in Retro-Comic-Ästhetik zu einer Heldentat, bei der Datennutzung ein dramatischer Kampf ist, in dem das „Böse” (aka Bauchgefühl) besiegt werden muss. Schulleitung wird zu einem Strategiespiel, bei dem man den Lernstand-Highscore knacken muss.
Der Schulleiter wird zum glatten Manager im Anzug, der als smarter Commander in maximaler Distanz zum Klassenzimmer in einem Bunker auf digitale Dashboards und Weltkarten (!) starrt und die Schule wie einen maschinellen Metropolis-Moloch ohne soziale Interaktion fernsteuert, kontrolliert und optimiert.
Lernende kommen nur noch als Balkendiagramm und Datensatz vor, Unterriehtsqualität (sic!) wird mit der Stoppuhr gemessen, ein mechanistischer KI-Kognitionsapparat liefert Prognosen, die in einer Glaskugel (!!) abgelesen werden. Datenschutz wird ausgerechnet mit einem Auge, dem universellen Symbol für Überwachung, illustriert.
Das Bild ist ein Paradebeispiel für AI-Slop. Es zeigt technokratischen Solutionismus in seiner naivsten Form.
Entweder illustriert das Bild den tatsächlichen Wunsch nach totaler Kontrolle und Distanz – das wäre ein pädagogisches Armutszeugnis. Oder es beweist, dass hier jemand „KI-Schule“ sagt, aber nicht einmal die Kompetenz besitzt, eine schlechte KI-Grafik als solche zu erkennen und reflektiert zu verwerfen.
Einflussreiche (und zumeist sehr privilegierte) Menschen, die in den sozialen Medien, Spiegel-Bestsellern und Talkshows ein Verbot von Smartphones und sozialen Medien für Kinder und Jugendliche fordern, haben erkannt, dass besorgte und verängstigte Eltern eine Sehnsucht umtreibt.
Es ist die Sehnsucht nach einer Kindheit, in der man noch unbeschwert mit Freund:innen draußen im Wald spielte, Bäume umarmte, lebendig im Laub herumtollte, barfuß durch den Schlamm patschte und sich die Knie blutig schlug, statt stundenlang stumpfsinnig auf Smartphones zu starren.
Um diesem nostalgisch-verbrämten Elternwunsch passgenau zu entsprechen, wendet die reichweitenstarke Verbots-Bubble eine ebenso einfache wie wirksame Strategie an, die man als Heidi-Strategie bezeichnen könnte: Gemeint ist die radikale Romantisierung einer natürlich-analogen Kindheit (wie auf Heidis Alm) bei gleichzeitiger Dämonisierung der digitalen Lebenswelt als künstlich und gefährlich (wie Heidis Frankfurt).
Die Drogeriekette Rossmann ist im pädagogischen Diskurs bislang wenig in Erscheinung getreten. Nun gibt es jedoch eine Kampagne, in der mit platten Marketing-Sprüchen wie „Freundschaft statt Follower“ oder „Weniger Bildschirm – mehr Kindheit“ für handyfreie Schulen bis zur 10. Klasse plädiert wird.
Schon der Slogan „Gemeinsam für eine gesunde Kindheit“ ist rhetorisch und ideologisch aufgeladen: Weil sich niemand ernsthaft gegen eine gesunde Kindheit wenden kann, wird die Zustimmung zum Handyverbot präventiv generiert. Oder anders: Wer sich gegen die Forderungen richtet, riskiert die Gesundheit der Kinder.
Doch diejenigen, die hier „gemeinsam“ für eine gesunde Kindheit kämpfen, sind ausschließlich besorgte Eltern, denen Rossmann bei der Suche nach einfachen Lösungen für komplexe erzieherische Probleme zur Hilfe eilen will. Ausgerechnet eine Drogeriekette (!) inszeniert sich als Teil einer Koalition der vernünftigen Erwachsenen, die sich „gemeinsam“ um die Gesundheit der Kinder sorgt. Rossmanns Werbeabteilung hat ganze Arbeit geleistet, wenn es um die rhetorische Schein-Legitimation adultistischer Interventionen geht.
Begriffe wie „komfortabel“, „effizient“, „schnell“ und „rechtssicher“ adressieren keine pädagogischen Ziele, sondern Arbeitsentlastung und Risikominimierung.
KI wird als Zeitersparnis-Tool für Routineaufgaben feilgeboten, nicht als Chance zur Verbesserung der Aufgabenqualität oder der fachdidaktischen Fundierung von Lehr- und Lernprozessen.
Nicht „Didaktik“, sondern „Datenschutz“ ist das relevante PR-D-Wort: „telli“ ist „speziell für deutsche Schulen entwickelt“ worden, weil im Neuland juristische Unsicherheit und Angst ganz besonders lähmend wirken.
Schließlich sind in allen Bundesländern die Gefängnisse voll von Lehrenden, die gegen Datenschutzvorschriften verstoßen haben.
Die Nutzung von „telli“ wird daher explizit über Rechtssicherheit und Vertrauenswürdigkeit, nicht über didaktische Qualität legitimiert.
Zumindest die PR-Inszenierung von „telli“ ist nicht innovativ, sondern kompatibilistisch: als Arbeitsentlastungstechnologie (für Lehrer:innen), als Risikominimierungstechnologie (für Schulleiter:innen) und als Compliance-Produkt (für Schulträger).
Die bildungspolitische Strategie, die hinter „telli“ zu stecken scheint, ist eine Form des Technosolutionismus: Anstatt die sozialen, strukturellen, ökonomischen und institutionellen Gründe für Defizite im Schulsystem in den Vordergrund zu rücken, behandelt man diese komplexen Probleme allesamt wie Nägel, die man mit dem KI-Hammer einschlagen kann.
So verschiebt sich der Bildungsdiskurs: Weg von der Frage, wie Lernen bestmöglich gelingen kann, hin zu der Frage wie man möglichst entlastet und rechtssicher unterrichten kann.
In seinem Klassiker „The Children’s Machine“ (1992) hat Seymour Papert beschrieben, wie gut sich die Schule gegen unerwünschte Eindringlinge (aka neue Technologien) zu wehren weiß.
Papert vergleicht die Schule mit einem lebenden Organismus, dessen Immunsystem u.a. mithilfe von Makrophagen („großen Fresszellen“) körperfremdes und potenziell gefährliches Material erkennt, assimiliert und zersetzt. In ähnlicher Weise gelingt es der Schule, systemfremde Technologien zu erkennen, zu assimilieren und zu zersetzen. Die Schule als Makrophage transformiert potenziell disruptive in systemstabilisierende Technologie.
Papert illustriert diese These 1992 am Beispiel des Computers, der sich von einem „radically subversive instrument in the classroom” zu einem „blunted conservative instrument in the computerlab“ (ebd.) gewandelt hat:
„What had started as a subversive instrument of change was neutralized by the system and converted into an instrument of consolidation.“ (Papert 1992, S. 39)
Die Parallelen zum aktuellen KI-Diskurs liegen auf der Hand: EdTech-Startups sales pitchen uns eine revolutionäre Zukunft des Lernens mit innovativen KI-Tools, während sie de facto das bestehende System konsolidieren. Konventionelle Unterrichtsentwürfe, konventionelle Arbeitsblätter, konventionelle Lückentexte, konventionelle Multiple-Choice-Tests etc. lassen sich mit KI jetzt schneller und mit weniger Arbeitsaufwand erstellen. Revolutionär oder innovativ ist daran exakt nichts.
Zu sehen ist eine Gruppe junger Menschen, deren Gesichter von kaltem, bläulich-weißem Smartphone-Licht geisterhaft angestrahlt werden. Der Hintergrund bleibt unscharf, es mangelt an „realer“ Umgebung. Die Menschen sind nach vorne gebeugt, Kopf und Blick gesenkt, der Ausdruck auf den Gesichtern ist leer und lethargisch, es gibt keine Blickkontakte untereinander, keine Lebendigkeit, keine soziale Interaktion.
Auf dem Cover einer wissenschaftlichen Studie darf man eine neutral-illustrative Darstellung erwarten. Das Cover der Leopoldina-Studie ist hingegen irritierend wertend. Das Thema wird einseitig negativ emotionalisiert, das Bild fungiert als visuelles Framing, das den problematisierenden Grundton der Studie schon vor der Lektüre festlegt.
Es steht zu hoffen, dass die Leopoldina nur einen neuen Cover-Bild-Aussuch-Praktikanten (m/w/d) braucht.
Das Institut für Digitale Ethik (IDE) der Stuttgarter Hochschule der Medien hat zusammen mit der Beratungsplattform klicksafe.de „10 Gebote der KI-Ethik“ herausgegeben, die im Netz ein nahezu einhellig positives Echo ausgelöst haben.
Im Folgenden soll kurz gezeigt werden, warum die „Gebote“, die sich explizit an Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren richten, im Kern problematisch sind – auch wenn sie sicherlich mit den besten Intentionen formuliert wurden.
Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht in den Social Media auf alarmistische Weise vor den Gefahren der Social Media gewarnt wird.
Pädagogische Populist:innen können sicher sein, dass besorgnisgetränke Postings über die nächste TikTok-Challenge, gefährliche DeepFake-Videos oder eine neue Nudify-App wohlfeile Klicks und die gewünschte Aufmerksamkeit erzeugen.
Selbst dann, wenn man wohlwollend unterstellt, dass es den reichweitenstarken Influencer:innen tatsächlich um den Schutz der Kinder und Jugendlichen und nicht um die Steigerung des eigenen Marktwerts geht, ist das alarmistische Social-Media-Dauerfeuer scharf zu kritisieren.
Denn die Art und Weise, wie (fast) Tag für Tag diffuse Angst adressiert und moralische Panik geschürt wird, hat performative Auswirkungen auf die Phänomene, die im Mittelpunkt stehen.
Das Populismus-Komplexitäts-Paradoxon bezeichnet das Phänomen, dass in gesellschaftlich aufgeladenen medienpädagogischen Debatten (z. B. über Smartphone-Nutzung, Social Media, digitale Bildung) differenzierte, systemisch durchdachte und wissenschaftlich fundierte Maßnahmen mit geringerer Wahrscheinlichkeit breite Zustimmung finden als einfache, normativ aufgeladene Symbolmaßnahmen (z. B. Handyverbot, Bildschirmzeitgrenzen, „Digital Detox“-Tage).
Dieses Gesetz beschreibt einen Mechanismus öffentlicher Diskurse, in dem Komplexitätsaversion, Handlungsdruck, Medienlogik und politische Verwertbarkeit zusammenwirken.
Eine zentrale Verstärkungsrolle kommt dabei Influencer:innen, Journalist:innen und Meinungsführer:innen zu, die häufig jene Lösung bevorzugen, die maximale Reichweite und emotionale Anschlussfähigkeit verspricht – nicht jene, die pädagogisch oder gesellschaftlich am sinnvollsten ist.
Dadurch wird die Durchsetzung komplexer, aber tragfähiger Konzepte weiter erschwert.
Bild erzeugt von ChatGPT. Die Fehler lasse ich bewusst ohne Korrektur. Sie dokumentieren den Zustand bildgenerierender KI im Juni 2025.
Am 30.05.2025 hat Jan Böhmermann in einem „ZDF Magazin Royal“ mit dem Titel „Queerfeindlichkeit – Im Namen der Kinder?“ gezeigt, wie der Kinderschutz instrumentalisiert wird, um in populistischen und rechtsextremen Diskursen Queerfeindlichkeit zu schüren.
Die strategische Funktion des Kinderschutzes in queerfeindlichen Argumentationen lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:
Es sind Kinder, die vor queerer Propaganda (schon im Kindergarten!) geschützt werden müssen, es sind Kinder, die mit „unnatürlichen“ Lebensmodellen jenseits der „natürlichen“ Kernfamilie nicht in Berührung kommen sollen, es sind Kinder, die vor den Erziehungsmethoden aus der LGBTQ-Szene beschützt werden müssen, es sind Kinder, die mit queeren Texten und Filmen nicht in Berührung kommen sollen, es sind Kinder, deren kulturelle Identität von queeren Einflüssen rein gehalten werden muss. Oder kurz: „Wir verlieren unsere Kinder an die LGBTQ-Szene, wenn wir sie nicht schützen.“
Der Kinderschutz wird auf diese Weise zu einer Legitimationsfigur für autoritär-konservative Kontrolle. Er führt zu einer „Moral Panic“ und zu einer Moralisierungspraxis, in der diejenigen, die sich für queere Lebensmodelle aussprechen, als „Gefährder“ und „Verharmloser“ gebrandmarkt werden. Kinderschutz wird zu einer Diskursstrategie, die sich gegen berechtigte Kritik weitgehend immunisiert.
Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick auf den aktuellen pädagogischen Diskurs um die Nutzung von Smartphones und Social Media durch Kinder (und Jugendliche). Denn auch hier nimmt der Kinderschutz eine zentrale Rolle ein und auch hier wird er instrumentalisiert, um pädagogische Positionen gleichsam als alternativlos darzustellen, weil sonst das Wohl der Kinder gefährdet sei. Das Resultat ist auch hier eine irrationale moralische Panik, die eine differenzierte Auseinandersetzung mit den komplexen Problemfeldern (nahezu) unmöglich macht.
Die folgende Übersicht zeigt die Parallelen zwischen dem aktuellen queerfeindlichen Diskurs und einem wirkmächtigen pädagogischen Populismus, der auch politisch immer einflussreicher wird.
Das Ziel der Gegenüberstellung ist nicht, Queerfeindlichkeit und pädagogischen Populismus inhaltlich oder ideologisch gleichzusetzen. Es geht einzig und allein um die strukturellen Analogien im Diskurs, die zu ähnlich repressiven Effekten führen können – trotz gegensätzlicher weltanschaulicher Herkunft.
Kinderschutz im queerfeindlichen und pädagogischen Diskurs: strukturelle Analogien
Merkmal / Struktur
Queerfeindlicher Diskurs
Pädagogischer Populismus
Diskursstrategie: Schutz-Narrativ
„Wir müssen unsere Kinder vor Gender-Ideologie und queerer Propaganda schützen.“
„Wir müssen unsere Kinder vor den Gefahren digitaler Medien (z. B. TikTok, WhatsApp) schützen.“
Unterstellung kindlicher Unmündigkeit
Kinder sind „unschuldig“ und müssen vor „verwirrenden“ Lebensmodellen bewahrt werden.
Kinder sind „leicht ablenkbar“ und unfähig zur Selbstregulation im Umgang mit Medien.
Deutungshoheit über das „Gute“
Das traditionelle Familienbild ist „natürlich“ und muss bewahrt werden.
Analoge Lernräume (Bücher, Handschrift) sind „natürlich“ und dürfen nicht gefährdet werden.
Feindbild
Umerziehung durch linke Eliten / LGBTQ-Lobby“
Digitale Konzerne, soziale Medien, die Aufmerksamkeit zerstören und Kinder mit Dopamin fernsteuern
Reaktion: Verbot und Kontrolle
Forderung nach Verbot von Aufklärung, Gender-Unterricht und queerer Kultur
Forderung nach Handyverbot, WLAN-Abschaltung, Überwachung der Mediennutzung