Das Zugabteil als Skeuomorphismus – oder: Warum man in der Bahn Bücher liest

Am 20.10.2017 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel mit dem Titel „Bloß nicht reden“ von David Denk, der sich mit der Abschaffung der Abteile im neuen ICE 4 beschäftigt. Kernthese des Textes: Das gute alte Zugabteil hat ausgedient, weil sich der moderne Mensch nicht mehr mit anderen unterhalten will. Es sei uns, so Denk, „inzwischen unangenehm, von lauter Fremden umzingelt zu sein.“

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Lob der negativen Kritik

Wenn man sich in aktuellen Debatten ablehnend zu Vorschlägen aus dem Bereich der Bildung unter den Bedingungen der Digitalität (kurz: „digitale Bildung“) äußert, d.h. wenn man z.B. das Konzept des FlippedClassrooms, den Einsatz von Kahoot, H5P etc. kritisiert, trifft man immer häufiger auf das folgende argumentative Muster:

  1. Dem Kritiker wird vorgeworfen, er sei im Hinblick auf X (z.B. die Gestaltung einer Unterrichtsstunde mit digitalen Medien) lediglich destruktiv-ablehnend und habe selbst keine konstruktiv-weiterführenden Alternativen anzubieten.
  2. Aus (1) wird dann das Recht abgeleitet, die Kritik so lange zu ignorieren bzw. nicht ernst zu nehmen, bis der Kritiker selbst (zumindest theoretisch) gezeigt hat, wie X besser geht.
  3. Verschärft wird (2) häufig durch die Forderung, dass der Kritiker auch beweisen müsse, dass er X  (in der Unterrichtspraxis) besser könne als der Kritisierte.

Auf den ersten Blick mag dieses Reaktions-Schema zumindest dann seine Berechtigung haben, wenn man sich mit besserwisserischen Nörglern auseinandersetzt, die selbst keine guten Ideen haben.

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Notwendige Neologismen: „Palliative Didaktik“

Palliative Didaktik, die:

Zusammenfassende Bezeichnung für didaktische Maßnahmen, die nicht das Ziel verfolgen, das Schulsystem im Zeichen der Digitalisierung grundlegend zu verändern (bzw. zu „heilen“), sondern lediglich dazu beitragen, dass die Schüler(innen) im traditionellen (bzw. als „krank“ empfundenen) System bestmöglich angepasst sind.

Palliativ sind didaktische Maßnahmen häufig, wenn mithilfe digitaler Technik längst überkommene didaktische Prinzipien ummantelt (vom lat. „palliare“) werden.

Dass unter dem digitalen Mantel so mancher Lern-Tools in Wahrheit behavioristische Prinzipien versteckt sind, zeigt das folgende Video:

Wichtig ist, dass sich das Prinzip der Palliation auf die Institution Schule (als Teil der sozialen Ontologie) und nicht auf einzelne Schulen oder gar auf Lehrer(innen) bzw. Schüler(innen) bezieht.

Oder anders: Die Institution Schule ist der „Patient“, es sind nicht diejenigen, die in dieser Instituiton lehren bzw. lernen.

Gleichwohl haben palliative Maßnahmen, die sich auf das System richten, Auswirkungen auf den Alltag von Lehrer(innen) und Schüler(innen). Das lässt sich am Beispiel des Personalised Learnings kurz erläutern: Wenn durch Big Data, scheinbar intelligente Algorithmen und instant feedback (sensu Skinner) lediglich maschinelle Formen des Nürnberger Trichters installiert werden, verändert sich das Schulsystem nicht grundlegend.

Wenn die Korrektur von Schülertexten jedoch von Verstehens-Maschinen (wie Pearsons WriteToLearn) übernommen wird, erleichtert diese palliative Maßnahme für alle Beteiligten das schulische Leben.

(vgl. auch palliative Technik)


Nachtrag:

Anlässlich der Veranstaltung „One app fits all – Individuelle Förderung und personalisiertes Lernen im digitalen Wandel“ hatte ich die Gelegenheit, den Grundgedanken der palliativen Didaktik bzw. palliativen Technik etwas ausführlicher zu erläutern:

Notwendige Neologismen: „Palliative Technik“

Palliative Technik, die:

Zusammenfassende Bezeichnung für technische Maßnahmen (Tools, Apps, Whiteboards etc.), die nicht das Ziel verfolgen, das Schulsystem im Zeichen der Digitalisierung grundlegend zu verändern (bzw. zu „heilen“), sondern lediglich dazu beitragen, dass die Schüler(innen) im traditionellen (bzw. als „krank“ empfundenen) System bestmöglich angepasst sind.

In einer schwächeren Lesart stützt sich der Begriff auf die Bedeutung des lateinischen Verbs „palliare“, das „ummanteln“ meint. Palliative Technik ist dann digitale Technik, mit der Analoges nur ummantelt, nicht aber grundlegend verändert wird.

Das KMK-Strategiepapiers „Bildung in der digitalen Welt“ illustriert dieses Prinzip (unfreiwillig) auf dem Titelblatt:

Das digitale iPad ummantelt hier lediglich den analogen Tafelanschrieb.

(vgl. auch palliative Didaktik)

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