Das Zugabteil als Skeuomorphismus – oder: Warum man in der Bahn Bücher liest

Am 20.10.2017 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel mit dem Titel „Bloß nicht reden“ von David Denk, der sich mit der Abschaffung der Abteile im neuen ICE 4 beschäftigt. Kernthese des Textes: Das gute alte Zugabteil hat ausgedient, weil sich der moderne Mensch nicht mehr mit anderen unterhalten will. Es sei uns, so Denk, „inzwischen unangenehm, von lauter Fremden umzingelt zu sein.“

Es folgen soziologische Erklärungen: Da wird aus der einfachen Reise im Zugabteil rasch die „unausweichliche Konfrontation mit Fremden“, die als „wirklich stabiler Indikator für so etwas wie urbane Toleranz und angemessenen Umgang mit Pluralismus“ gelten könne. Und das Verschwinden der Abteile wird zu einem Fanal für grundlegende Veränderungen innerhalb einer zusehends verrohenden Gesellschaft: Was mag wohl in echten Konfliktsituationen geschehen, wenn wir einander nicht einmal in bequemen Zugabteilen ertragen können?

Was Denks Analyse fehlt, ist die technikgeschichtliche Retrospektive, die bezeichnenderweise durch romantisierende Beispiele aus der Literatur („Emil und die Detektive“, „Mord im Orient-Express“) ersetzt wird. Blickt man zurück in die Anfangszeit der Eisenbahnreise, d.h. etwa in die Mitte des 19. Jahrhunderts, dann stellt man fest, dass die Abschaffung des Zugabteils keine Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen in der Neuzeit ist, sondern die überfällige Korrektur eines folgenreichen Konstruktionsfehlers.

Dieser Fehler bestand darin, dass man sich bei der Gestaltung des neuen Transportmittels Zug am Design des alten Transportmittels Kutsche orientierte und auch im Zugabteil zwei gegenüberliegende Sitzreihen anbrachte.

Was man nicht bedachte: Dieses Arrangement, bei dem sich die Reisenden vis-à-vis gegenübersitzen, ist gleichsam eine Aufforderung zur Unterhaltung, die jedoch nur in der Kutsche gewünscht war. Denn hier konnte man sich (fast) sicher sein, eine sehr lange Zeit – oft Tage – mit den anderen Personen gemeinsam zu verbringen und es wäre merkwürdig oder gar peinlich gewesen, dauerhaft zu schweigen.

Das änderte sich unter den Bedingungen des Zugreisens vollkommen: Plötzlich wusste man nicht mehr, ob jemand, der gerade zugestiegen war und im Abteil Platz genommen hatte, an der nächsten Station wieder aussteigen würde und ob sich der Beginn eines Gesprächs überhaupt lohnen würde. Die Grundlage für den Wunsch nach Kommunikation im Abteil, die in der Kutsche ganz selbstverständlich vorhanden war, gab es plötzlich im Zugabteil nicht mehr.

Der Innenraum des Zugabteils ist daher ein spezieller Fall des Skeuomorphismus: Das Zugabteil ahmt die (ästhetische) Form der Kutsche nach, ohne dass das eine funktionale Grundlage besitzt.

Das kommunikative Kutschen-Arrangement im Zugabteil bringt Menschen, die sich nicht miteinander unterhalten möchten, fortan in unangenehme Situationen. Ein kommoder Ausweg ist das Lesen eines Buches oder einer Zeitung: Wer liest, der signalisiert, dass er für sich sein und ungestört bleiben möchte, ohne dass er dadurch seine Mitreisenden brüskiert. Es ist daher kein Zufall, dass ab ca. 1850 an den Bahnhöfen die Buchhandlungen florieren, die das verkaufen, was die Zugreise im Kutschenabteil erträglich werden lässt: Medien zur stillen Lektüre.

Aus dieser knappen historischen Rückschau lässt sich u.a. Folgendes lernen:

  1. Die Abschaffung der Zugabteile zeigt nicht, dass die Menschen im 21. Jahrhundert nicht mehr miteinander reden wollen, sondern bestätigt die Tatsache, dass sie das unter bestimmten Umständen noch nie wollten.
  2. Die Strategien, unerwünschte Gespräche mit Fremden zu vermeiden, haben sich nicht wesentlich verändert: Damals wie heute greift man zu Medien, deren stille bzw. einsame Rezeption gesellschaftlich akzeptiert ist.
  3. Die Qualität der in (2) erwähnten Medien hat sich wesentlich verändert: Denn während das Buch allenfalls das Gespräch zwischen Text und Leser ist, stellt man via Smartphone und Tablet häufig den Kontakt zu echten Menschen her.
  4. Wenn die „gute alte Zeit“ (in der das Reisen im Abteil noch gewünscht war) gegen die kalte Postmoderne (in der wir nicht mehr miteinander reden wollen) in Stellung gebracht wird, ist Vorsicht geboten

Was die Analyse des Textes von Denk für die Themen „Bildung“ und „Digitalisierung“ interessant erscheinen lässt, ergibt sich vor allem aus (2), (3) und (4).

Denn der Text bedient sich einer argumentativen Strategie, die man argument from a glorified past nennen könnte und die im Diskurs um #digitaleBildung häufig verwendet wird: Ein vergangener Zustand (z.B. die Zeit, in der wir noch keine Smartphones hatten) wird zu einer Art Idealzustand erklärt, von dem sich die Gegenwart vor allem durch die Nutzung digitaler Medien inzwischen weit entfernt hat: Früher konnten wir noch richtig schreiben und lesen, vernünftig miteinander kommunizieren und streiten, selbst mit Fremden im Zug reden etc.

Verbunden wird diese Diagnose eines technikdeterminierten Verfalls häufig durch Forderungen, zum Idealzustand (z.B. durch Formen des Digital Detox) zurückzukehren: Schüler(innen) sollen auf die Nutzung ihrer Smartphones verzichten, Erwachsene gar das Analoge als das neue Bio betrachten usw.

Vor diesem Hintergrund mag die obige Analyse als Beispiel dafür dienen, wie man das argument from a glorified past und damit auch viele bewahrpädagogisch-rückwärtsgewandte Texte über die Folgen der Digitalisierung entkräften kann.


P.S.: Hier noch der notwendige Hinweis auf das großartige Buch, das als Quelle für den technikgeschichtlichen Kontext diente:

Wolfgang Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. 5. Auflage. Stuttgart: Fischer Taschenbuch Verlag 2011.

 

 

 

2 Gedanken zu “Das Zugabteil als Skeuomorphismus – oder: Warum man in der Bahn Bücher liest

  1. Ohbe Ihre Analyse anzweifeln zu wollen, wird doch zugleich unterstellt, die Designer von Zugabteilen würden sich (mehr) Gedanken über die Wünsche der Passagiere machen (Kommunikation ha/nein/mit wem; GEPÄCK! MANCHE REISENDE HABEN GEPÄCK!!!!), als über die Ihrer Auftraggeber (da passt doch sicher noch ne Sitzreihe rein)…

    Schivelbusch ist IMMER empfehlenswert. Lese alle seine Bücher aus Prinzip und habe es noch nie bereut…

    Gefällt mir

  2. Pingback: Zum Thema "Die Eisen bahn in der Literatur" habe ich mal eine Hausarbeit geschrieben. http://drikkes.com/?page_id=28 Das tolle Buch von Schivelbusch kommt natürlich auch vor.

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