Warum der Grundsatz „Pädagogik vor Technik“ bestenfalls trivial ist

Der Grundsatz „Pädagogik vor Technik“, der im aktuellen Diskurs über Bildung und Digitalisierung sehr häufig zu hören ist, hat mindestens drei Lesarten, die im Folgenden kurz kritisch betrachtet werden. „Pädagogik vor Technik“ kann demnach meinen,

  1. dass Technik dem Menschen dienen sollte, nicht der Mensch der Technik.
  2. dass man sich zunächst auf das pädagogische Kerngeschäft konzentrieren sollte, bevor man das Klassenzimmer für Technik öffnet.
  3. dass pädagogische Entscheidungen vor technischen Entscheidungen getroffen werden müssen.

Es wird sich herausstellen, dass Lesart (1) zwar wahr, aber bestenfalls trivial ist, während die Lesarten (2) und (3) falsch sind und schlimmstenfalls dazu führen, insbesondere die Potenziale digitaler Medien für den Unterricht zu verkennen.

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Anzeichen der Krise (II): Datenschutz statt Dienst

Als Mitte des 19. Jahrhunderts die neuen Automobile auf die Straßen drängten, wurde in Großbritannien und Irland der „Red Flag Act“ erlassen. Von 1865 bis 1896 musste jedem Auto ein Mann mit einer roten Flagge vorausgeschickt werden, damit insbesondere die Fußgänger vor der motorisierten Gefahr gewarnt werden konnten.

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(Bild „Red Flag Act of 1865“. Jin Ho, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Auf diese Weise wurde das neue Transportmittel seiner größten Vorteile beraubt, was die um Kundschaft konkurrierenden Kutscher und Eisenbahner zumindest nicht gestört haben dürfte und sicherlich auch etliche Menschenleben gerettet hat.

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Anzeichen der Krise (I): Das gute alte Postfach statt digitaler Medien

In der krisenhaften Übergangszeit zwischen dem Gutenberg-Paradigma und dem Turing-Paradigma driften die Buch-Schule und die Welt der Digitalität immer weiter auseinander.

Neben offensichtlichen Abwehrmaßnahmen wider das Neue (z.B. Smartphones) lassen sich deutliche Anzeichen der Krise auch an internen Widersprüchen ablesen, die manchmal etwas schwieriger zu entdecken sind. Das soll anhand des folgenden Beispiels gezeigt werden:

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Wie man YouTube-Kids mit Tokio-Hotel-Angie den Medienbegriff McLuhans erklärt

Bekanntlich begreift McLuhan jede „Ausweitung unserer eigenen Person“ (1964, S. 21), mit deren Hilfe wir unsere Sinne erweitern und unsere Organe ergänzen, als Medium. Neben dem gesprochenen Wort, der Telegrafie, dem Kino und dem Radio fallen daher beispielsweise auch Straßen, Uhren, das Fahrrad und Waffen unter den Begriff „Medium“, dessen theoretischer Nutzen mit größer werdendem Umfang zusehends schwindet.

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Das Zugabteil als Skeuomorphismus – oder: Warum man in der Bahn Bücher liest

Am 20.10.2017 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel mit dem Titel „Bloß nicht reden“ von David Denk, der sich mit der Abschaffung der Abteile im neuen ICE 4 beschäftigt. Kernthese des Textes: Das gute alte Zugabteil hat ausgedient, weil sich der moderne Mensch nicht mehr mit anderen unterhalten will. Es sei uns, so Denk, „inzwischen unangenehm, von lauter Fremden umzingelt zu sein.“

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Lob der negativen Kritik

Wenn man sich in aktuellen Debatten ablehnend zu Vorschlägen aus dem Bereich der Bildung unter den Bedingungen der Digitalität (kurz: „digitale Bildung“) äußert, d.h. wenn man z.B. das Konzept des FlippedClassrooms, den Einsatz von Kahoot, H5P etc. kritisiert, trifft man immer häufiger auf das folgende argumentative Muster:

  1. Dem Kritiker wird vorgeworfen, er sei im Hinblick auf X (z.B. die Gestaltung einer Unterrichtsstunde mit digitalen Medien) lediglich destruktiv-ablehnend und habe selbst keine konstruktiv-weiterführenden Alternativen anzubieten.
  2. Aus (1) wird dann das Recht abgeleitet, die Kritik so lange zu ignorieren bzw. nicht ernst zu nehmen, bis der Kritiker selbst (zumindest theoretisch) gezeigt hat, wie X besser geht.
  3. Verschärft wird (2) häufig durch die Forderung, dass der Kritiker auch beweisen müsse, dass er X  (in der Unterrichtspraxis) besser könne als der Kritisierte.

Auf den ersten Blick mag dieses Reaktions-Schema zumindest dann seine Berechtigung haben, wenn man sich mit besserwisserischen Nörglern auseinandersetzt, die selbst keine guten Ideen haben.

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Notwendige Neologismen: „Palliative Didaktik“

Palliative Didaktik, die:

Zusammenfassende Bezeichnung für didaktische Maßnahmen, die nicht das Ziel verfolgen, das Schulsystem im Zeichen der Digitalisierung grundlegend zu verändern (bzw. zu „heilen“), sondern lediglich dazu beitragen, dass die Schüler(innen) im traditionellen (bzw. als „krank“ empfundenen) System bestmöglich angepasst sind.

(vgl. auch palliative Technik)

Nachtrag (18.10.2017):

Anlässlich der Veranstaltung „One app fits all – Individuelle Förderung und personalisiertes Lernen im digitalen Wandel“ hatte ich die Gelegenheit, den Grundgedanken der palliativen Didaktik bzw. palliativen Technik etwas ausführlicher zu erläutern:

Notwendige Neologismen: „Palliative Technik“

Palliative Technik, die:

Zusammenfassende Bezeichnung für technische Maßnahmen (Tools, Apps, Whiteboards etc.), die nicht das Ziel verfolgen, das Schulsystem im Zeichen der Digitalisierung grundlegend zu verändern (bzw. zu „heilen“), sondern lediglich dazu beitragen, dass die Schüler(innen) im traditionellen (bzw. als „krank“ empfundenen) System bestmöglich angepasst sind.

(vgl. auch palliative Didaktik)

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Der Wii-Effekt

oder: Warum man Essays in der Schule nicht maschinell auswerten sollte

Jeder, der einmal mit der Wii-Spielekonsole Tennis gespielt hat, weiß es: Zu Beginn versucht man noch, mit der Fernbedienung in der Hand die „echten“ Tennis-Bewegungen nachzuahmen, doch rasch wird klar, dass manchmal nur ein kleiner Dreh mit dem Handgelenk nötig ist, um die Wii-glauben zu machen, man habe einen herrlichen Slice gespielt.

Kurz: Man lernt sehr schnell, dass nicht die „echten“ Tennisbewegungen, sondern die am Algorithmus orientierten „Wii-Bewegungen“ zum Erfolg führen. Und nach einiger Zeit haben die Bewegungen eines erfolgreichen Wii-Tennisspielers nur noch wenig mit den Bewegungen eines „echten“ Tennisspielers gemeinsam.

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