Der Wii-Effekt

oder: Warum man Essays in der Schule nicht maschinell auswerten sollte

Jeder, der einmal mit der Wii-Spielekonsole Tennis gespielt hat, weiß es: Zu Beginn versucht man noch, mit der Fernbedienung in der Hand die „echten“ Tennis-Bewegungen nachzuahmen, doch rasch wird klar, dass manchmal nur ein kleiner Dreh mit dem Handgelenk nötig ist, um die Wii-glauben zu machen, man habe einen herrlichen Slice gespielt.

Kurz: Man lernt sehr schnell, dass nicht die „echten“ Tennisbewegungen, sondern die am Algorithmus orientierten „Wii-Bewegungen“ zum Erfolg führen. Und nach einiger Zeit haben die Bewegungen eines erfolgreichen Wii-Tennisspielers nur noch wenig mit den Bewegungen eines „echten“ Tennisspielers gemeinsam.

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Die Top Seven der Common-Sense-Fehlurteile über Medien

1. Medien sind neutrale Mittler, die Informationen von einem Sender zu einem Empfänger transportieren.

2. Neue Medien müssen in den Unterricht integriert werden, weil sie einen wichtigen Teil der Lebenswelt der Jugendlichen darstellen.

3. Medien sind lediglich Werkzeuge, deren Einsatz nur dann gerechtfertigt ist, wenn man damit unabhängig vom Medium festgelegte Unterrichtsziele erreichen kann.

4. Um einzusehen, dass neue Medien für Jugendliche gefährliche Auswirkungen haben, muss man diese Medien selbst nicht nutzen, denn man muss auch nicht selbst Drogen konsumieren, um festzustellen, dass Drogen für Jugendliche gefährlich sind.

5. Durch die Nutzung von Bildschirmmedien gehen wertvolle Primärerfahrungen verloren, die durch medial vermittelte Sekundärerfahrungen nicht angemessen ersetzt werden können.

6. Der Mehrwert digitaler Medien besteht im Unterricht darin, dass man die vorgegebenen Lernziele schneller, besser, leichter, nachhaltiger etc. erreichen kann.

7. Wir müssen uns an die Grundsätze „Pädagogik vor Technik“ bzw. „Didaktik vor Methodik“ halten.

YouTube-Lehrer

Die coolen YouTube-Lehrer tragen – u.a. durch Formen palliativer Didaktik – maßgeblich dazu bei, dass das alte Schulsystem am Leben erhalten wird. Schlechter Frontalunterricht wird nun in Form von Flipped-Classroom-Videos konsumiert und wie man am besten durch das System kommt („Lernen ist ganz, ganz viel anpassen und Fleiß!) zeigen Videos wie dieses hier:

Das ist das Gegenteil der Bildungsrevolution, die mit solchen Formaten häufig verbunden wird.

Ostensiver statt reflexiver Einsatz von Technik

Ostensiver Einsatz von Technik:

In Schulen verbreiteter Einsatz zumeist digitaler Technik, der nicht in erster Linie didaktisch motiviert oder reflexiv begründet ist, sondern auf die mediale Außenwirkung gut sichtbarer Hardware setzt.

Besonders beliebt ist der ostensive Einsatz von Technik bei Schulleiter(inne)n, da ein Pressefoto von Schüler(inne)n vor einem Whiteboard oder in einem gut ausgestatteten Computerraum den Eltern visuell suggeriert, dass die jeweilige Schule modern und innovativ ist.

Kleine Argumentationshilfe wider die Internetskeptiker

Das Problem:

Wenn man wenig internetaffine Skeptiker darauf hinweist, dass man die Social Media nicht wirklich beurteilen kann, wenn man sie nicht aus eigener Erfahrung kennt, dann hört man häufig folgende Antwort:

„Ich muss auch keine eigenen Erfahrungen mit Drogen machen, um zu wissen, dass Drogen gefährlich sind.“

Wie kann man diesen Einwand entkräften?

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Der größte Vorteil des „interaktiven Whiteboards“

Der unten abgebildete Zeitungsartikel verdeutlicht exemplarisch verschiedene Aspekte des Whiteboard-Debakels an deutschen Schulen:

(a) Unglaubliche Investitionen für ostensive Technik, die in einigen Monaten niemand mehr nutzt und die bis dahin höchstwahrscheinlich als technisierte Form der Lehrerzentrierung zum Einsatz kommt.

(b) Selbst Schüler (!) sammeln Gelder, die dann für die überteuerte Technik ausgegeben werden, obwohl man in einem BYOD-Szenario mit demokratisiertem Beamer und einer Software wie „ExplainEverything“ mehr machen könnte.

(c) Das obligatorische Pressefoto ist ein Beleg für die These, dass der größte Vorteil des Whiteboards die Tatsache ist, dass man sich davor fotografieren lassen kann.

(d) Es gibt einen Verweis auf das Ende der „Kreidezeit“, der in keinem schlechten Artikel über digitale Technik fehlen darf.

Whiteboard-Foto

Welchen Mehrwert haben digitale Medien für das schulische Lernen?

Antwort auf Christian Ebels Frage nach dem Mehrwert digitaler Medien (vgl. auch: Zusammenfassung aller Antworten).

tl;dr

Der Mehrwert des Flugzeugs besteht nicht darin,
schneller zum Bäcker zu kommen.
Der Mehrwert digitaler Medien besteht nicht darin,
alte Ziele schneller zu erreichen.


Engelbert Thaler, ein Englisch-Didaktiker aus Augsburg, bringt in einem Interview eine sehr weit verbreitete Vorstellung davon zum Ausdruck, was (digitale) Medien sind und welche Funktion sie für den Unterricht haben:

Entscheidend bei den Medien ist, dass man sich an die Bedeutung des Wortes erinnert: Die haben halt eine dienende Funktion, also „Go for goals!“. Die erste Frage muss nach den Unterrichtszielen sein, die zweite Frage kann erst nach den Mitteln und Wegen dorthin sein.

Quelle: https://www.youtube.com/watch?t=400&v=8LcdKfDVgYI#t=7m7s
(Nachzulesen auch unter: http://www.lehrer-online.de/1019038.php)

Nun ist die These, dass die Bedeutung (oder die Etymologie) des Wortes “Medium” in irgendeiner Weise auf dessen dienende Funktion hinweise, zwar grundfalsch, aber höchst interessant: Denn wer Medien lediglich als Diener (oder alternativ als reine Werkzeuge) ansieht, deren Funktion darin besteht, hehre und zuvor festgelegte Lernziele zu erreichen, gründet seinen Unterricht auf ein theoretisch marodes Fundament, das vielleicht Buch und Tafel, nicht aber Smartphone und Tablet trägt.

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„Das Ende der Kreidezeit“ – Die Überschrift als Schibboleth

Texte über digitale Bildung und/oder die Schule, die die Überschrift „Ende der Kreidezeit“ tragen, gibt es wie Sand am Meer (s. Screenshot).

Die Überschrift funktioniert hier inzwischen wie ein Schibboleth:

Diejenigen, die den Diskurs um digitale Bildung nicht kennen, finden den Slogan „Ende der Kreidezeit“ originell und werden zum Lesen animiert.

Diejenigen, die den Diskurs jedoch genau kennen, wissen bereits anhand der Überschrift, dass sie von einem Autor, der den Slogan „Ende der Kreidezeit“ wählt, nichts Neues zu erwarten haben.

Das ist eine Win-Win-Situation: Unkundige werden in den Diskurs gelotst, Kundige können bereits nach der Überschrift mit der Lektüre des jeweiligen Textes aufhören. Das spart Lese- und Lebenszeit.

Ende-der-Kreidezeit