Schule und Synchronschwimmen

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor:

Sie haben als Lehrer davon Wind bekommen, dass die Schüler(innen) in ihrer Freizeit ein neues Hobby für sich entdeckt haben: Synchronschwimmen. Fast alle machen das. Freiwillig. Gemeinsam mit anderen. Um selbstgesteckte Ziele zu erreichen und kooperativ Choreografien einzustudieren.Und Sie denken sich: „Das ist doch prima! Ich will auch in der Schule ein Synchronschwimmbecken.“

Ihre Schule ist innovativ und erfüllt Ihnen den Wunsch. Allerdings, so wird Ihnen mitgeteilt, müsse man das Synchronschwimmen im Unterricht u.a. auch an die rechtlichen Rahmenbedingungen des Schulsystems anpassen: So müsse natürlich jeder Schüler zwei Schwimm-Armreifen und einen Rettungsring um die Hüfte tragen. Und auch die Wasserhöhe müsse man aus Sicherheitsgründen auf maximal 20 cm absenken. Vorgesehen sei auch, dass jede Gruppe synchronschwimmender Schüler von mindestens zwei Lehrern beaufsichtigt werde, die selbst zwar nicht schwimmen können müssen, das Regelwerk aber genau kennen und sich mit einer Trillerpfeife bemerkbar machen können.

Und als Sie das erste Mal am Rand des Schwimmbeckens stehen und sehen, wie die Schüler(innen) im nicht mal knöcheltiefen Wasser auf dem Boden liegen und auf den Schwimmreifen lustlos und ungelenk hin- und herschaukeln, erkennen Sie, dass Schule und Synchronschwimmen in dieser Form  nicht zusammenpassen.

Leider muss man auch Ende 2013 noch feststellen, dass Internetnutzung und Schulsystem in vergleichbarer Weise inkompatibel sind und viele Schüler bei der Nutzung digitaler Medien mit ähnlich absurden Rahmenbedingungen kämpfen müssen, wie die Synchronschwimmer aus dem obigen Beispiel.

Die Frage ist: Wird es möglich sein, diese Systemkonflikte aufzuheben?

Synchronized_swimming_-_Russian_team

Foto: Jesus de Blas,
http://flickr.com/photos/56806023@N00/522878837, CC BY-SA 2.0

Rauchzeichen im Unterricht

Stellen Sie sich bitte Folgendes vor:

Frau X unterrichtet Deutsch in einer Klasse 4 mit 27 Schülern. Eines Morgens findet sie im Lehrerzimmer einige Pakete, die an sie adressiert sind und die sie neugierig öffnet. Sie findet zu ihrer großen Überraschung 27 Wolldecken, reichlich Brennholz und Streichhölzer.

Frau X gehört zu den innovativen und experimentierfreudigen Kolleginnen. Sie erkennt sofort, dass Brennholz und Wolldecken ein ungeheures didaktisches Potenzial besitzen, denn schließlich lässt sich diese Hardware nutzen, um Rauchzeichen zu erzeugen! Und mit Rauchzeichen müsste sich doch allerhand machen lassen im Unterricht, denkt sich Frau X. Da sie aber noch nicht wirklich weiß, wozu Rauchzeichen speziell im Deutschunterricht genutzt werden könnten, postet sie bei Facebook:

„Hallo, suche Ideen für den Einsatz von Rauchzeichen im Deutschunterricht für die 4. Klasse. Habe eine Wolldecke pro Schüler zur Verfügung. Alle Anregungen sind herzlich willkommen!“

Und sofort erhält sie Antwort aus ihrem PLE:

„Ich würde versuchen, die kommunikativen Fähigkeiten zu nutzen: Kurze Texte, Rauchbildchen etc. Mit den neuen Wolldecken lässt sich da auch fächerübergreifend was machen. Aufgabenbeispiele:

1. Übermittle deinen Eltern per Rauchzeichen eine Nachricht im WhatsAPP-Stil
2. Schreibe per Rauchzeichen einen Text darüber, wie ihr mit einem Kastanientier spielt.
3. Kommentiert die Rauchzeichen aus eurer Partnerklasse.
(…)“

Sie halten dieses Szenario für absurd? Das ist es leider nicht (s. Screenshot). Es zeigt aber, was in vielen Fällen und seit Jahrzehnten beim Einsatz neuer Medien falsch läuft. Ziemlich falsch.

Fehlende-Reflexion-FB

P.S.: Wer mehr Theorie als Rauchzeichen will:
http://www.deutschdidaktik.phil.uni-erlangen.de/Dokumente/krommer-2003-chatten-lyrisches-ich.pdf

„Drop the Shields!“ – Warum Schulen auf Commander Data hören sollten

Ich habe gerade einen -für Netzverhältnisse – uralten und wirklich wunderbaren #om13 -Vortrag von +Jöran Muuß-Merholz  angesehen, der plausibel erklärt, warum die digitale Revolution des Lernens gescheitert ist:

#om13 – x learning (Jöran)

Darin geht die Rede auch davon, dass die mit dem Internet verbundenen Hoffnungen auf Transparenz, Teamwork, Mitgestaltung, Selbstbestimmung etc. in der real existierenden Schule 2013 bitter enttäuscht wurden und werden. Ein Grund dafür ist laut Muuß-Merholz, dass in den Schulen 90% der Energie auf das Aussperren des Internets gelenkt werden, statt dessen Potenziale sinnvoll einzusetzen.

Das hat mich an etwas erinnert.

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Kritik am „digitalen Dualismus“

Axel Krommer / Uni Erlangen-Nürnberg / Oktober 2013

Der Begriff „digitaler Dualismus“, der von Nathan Jurgenson stammt, wurde maßgeblich von Philippe Wampfler in die deutschsprachige Debatte eingeführt. Wampfler kennzeichnet die Grundidee des digitalen Dualismus in einem (von ihm selbst angelegten) Wikipedia-Artikel folgendermaßen:

„Digitaler Dualismus bezeichnet die Haltung, der Cyberspace oder die virtuelle Welt und die sinnlich erfassbare, reale Welt bildeten einen Gegensatz. Der Digitale Dualismus ist eine verbreitete Überzeugung, die auch die mediale Berichterstattung zu Social Media prägt, wird aber von spezialisierten Soziologinnen und Soziologen abgelehnt.“

Im Folgenden soll für vier Thesen argumentiert werden, die problematische Aspekte des Begriffes und der Diskussion über den digitalen Dualismus in den Blick nehmen.

These 1: Der Begriff „digitaler Dualismus“ bezeichnet in sprachlich unklarer Weise ein inhaltlich vages Konzept.

These 2: Die Analogie zwischen dem philosophischen und dem digitalen Dualismus ist sowohl theoretisch unzureichend als auch ungeeignet, den Hauptgedanken des digitalen Dualismus zu illustrieren.

These 3: Anstatt gegen die begrifflichen Windmühlen des digitalen Dualismus zu kämpfen, sollte man das Augenmerk darauf richten, der irreführenden Rede von Primär- und Sekundärerfahrungen entgegen zu wirken.

These 4: In der vagen Rede vom digitalen Dualismus steckt ein wahrer Kern: Denn es gibt gravierende Unterschiede zwischen dem Virtuellen und dem Realen, die man nicht durch eine monistisch-eliminative Sichtweise ignorieren darf.

Zu These 1:

Schon die Begriffserklärung im Wikipedia-Artikels ist merkwürdig. Denn in welcher Weise soll die virtuelle Welt einen Gegensatz zur sinnlich erfahrbaren Welt bilden? Bedeutet das, dass die virtuelle Welt nicht sinnlich erfassbar ist? Wie können wir dann Erfahrungen mit und in der virtuellen Welt machen? Erleben wir Facebook und Twitter seltsam übersinnlich? Sind Skype-Konferenzen mit spiritistischen Sitzungen vergleichbar? Dass schon die sprachliche Klärung der Kernthese des digitalen Dualismus für Schwierigkeiten sorgt, könnte man natürlich zunächst als Indiz für die Inkonsistenz der Position selbst werten. Hinzu kommt jedoch, dass die Funktion des Adjektivattributs in dem Begriffspaar „digitaler Dualismus“ undurchsichtig bleibt. Denn es ist offenbar falsch, den Dualismus, der zwischen dem Realen und dem Virtuellen behauptet wird, selbst als digital zu charakterisieren, da weder der Dualismus digital, noch das Digitale dualistisch ist.

Fazit: Der Begriff „digitaler Dualismus“ bezeichnet in sprachlich unklarer Weise ein inhaltlich unklares Konzept.

Zu These 2:

Den Ausdruck „Dualismus“ kennt man aus der Philosophie. Dort wird über Körper und Geist, Leib und Seele, physische und mentale Zustände und ihre Zusammenhänge seit einiger Zeit diskutiert. Wampfler schreibt in diesem Zusammenhang:

„Der Begriff Dualismus taucht in der Diskussion des Körper-Geist-Problems regelmäßig auf: Die naive, intuitive Position besagt, dass Menschen einen Körper und einen Geist haben, die nebeneinander existieren. Die Frage, wie man sich eine Interaktion zwischen materiellem Körper und nicht-materiellem Geist vorstellen müsse, stiftet dabei große Verwirrung. Die Verwirrung könnte gelöst werden, indem man eine so genannt (sic!) monistische Position einnimmt: Es gibt nur den Körper, der in der Lage ist, so etwas wie geistige Phänomene hervorzubringen. Oder es gibt nur den Geist, der uns die Illusion gibt, einen Körper zu haben und in einer physisch manifestierten Realität zu leben.“

Doch diese Charakterisierung trifft weder den Kern des Leib-Seele-Problems noch lässt sich in überzeugender Weise eine Analogie zwischen einem philosophischen und einem digitalen Dualismus ziehen. Das lässt sich leicht zeigen, wenn man das Leib-Seele-Problem als Kollision dreier zunächst intuitiv wahr erscheinender Thesen darstellt:

1. Mentale Zustände (z.B. die Überzeugung, dass Schnee weiß ist) und physische Zustände (z.B. die Tatsache, dass Schnee weiß ist) unterscheiden sich fundamental. Jeder von uns erlebt seine eigenen mentalen Zustände direkt und unmittelbar aus einer privilegierten Innenperspektive, während physische Zustände von verschiedenen Beobachtern auf die gleiche Weise aus der Außenperspektive wahrgenommen werden können. Mentale Zustände sind zudem im Gegensatz zu physischen Zuständen (häufig) durch Intentionalität gekennzeichnet, d.h. sie haben einen Inhalt (z.B. dass p) und sind auf Gegenstände oder Sachverhalte (z.B. p) in der Welt gerichtet. Vor diesem Hintergrund lässt sich eine intuitiv wahre These formulieren:

Verschiedenheitsthese: Mentale Zustände und physische Zustände unterscheiden sich fundamental voneinander, da nur mentale Zustände intentional sein und aus einer charakteristischen Innenperspektive erfahrbar sein können.

2. Unsere Alltagserfahrung lehrt uns, dass mentale Zustände und physische Zustände kausal wechselwirken: Ich habe den Wunsch, den Arm zu heben, und dieser mentale Zustand bewirkt die Veränderung eines physischen Zustands: Ich habe meinen Arm. Wechselwirkungen dieser Art erleben wir ständig. Und sie geben auch – im Gegensatz zur Behauptung Wampflers – zunächst einmal gar keine Rätsel auf oder stiften gar Verwirrung. Denn was ist Selbstverständlicher als die Tatsache, dass beispielsweise eine Überzeugung (z.B. dass mein Bus gleich kommt und ich mich beeilen sollte) dazu führt, dass sich bestimmte physische Zustände (z.B. mein Standort relativ zur Bushaltestelle) verändern, oder dass Veränderungen physischer Zustände (z.B. der Temperatur im Raum) bestimmte mentale Zustände (z.B. ein Kältegefühl) auslösen? Das führt zur zweiten, ziemlich unspektakulären These:

Wechselwirkungsthese: Physische und mentale Zustände wechselwirken kausal miteinander.

3. Ein Problem ergibt sich erst dann, wenn man eine dritte These aufstellt, die wir weniger aus dem Alltag, sondern eher aus dem Bereich der Physik kennen, und die die kausale Abgeschlossenheit der physischen Welt behauptet:

Abgeschlossenheitsthese: Jeder physische Zustand hat ausschließlich physische Ursachen und Wirkungen.

Das Leib-Seele-Problem besteht dann darin, dass die Wahrheit von jeweils zwei der genannten Thesen die Wahrheit der dritten These ausschließt:

  • Fall 1: Wenn die Verschiedenheitsthese und die Wechselwirkungsthese wahr sind, kann die Abgeschlossenheitsthese nicht gleichzeitig wahr sein.
  • Fall 2: Wenn die Verschiedenheitsthese und die Abgeschlossenheitsthese wahr sind, kann die Wechselwirkungsthese nicht gleichzeitig wahr sein.
  • Fall 3: wenn die Wechselwirkungsthese und die Abgeschlossenheitsthese wahr sind, kann die Verschiedenheitsthese nicht gleichzeitig wahr sein.

Klassische philosophische Positionen lassen sich stets auf eine dieser Kombinationen zurückführen: Die monistischen Theorien, die Wampfler anführt, folgen beispielsweise dem letztgenannten Muster.

Diese Skizze der Struktur des Leib-Seele-Problems macht deutlich, dass Wampflers These, die Interaktion zwischen Körper und Geist stifte Verwirrung, viel zu kurz greift und nur unzureichend verdeutlicht, worin das Leib-Seele-Problem besteht. Denn die Wechselwirkungsthese ist ebenso intuitiv wahr wie die Verschiedenheitsthese. Erst im Ensemble mit der Abgeschlossenheitsthese wird überhaupt ein Problem sichtbar. Wenn man nun diese rudimentäre Beschreibung des Leib-Seele-Problems auf den digitalen Dualismus überträgt, wird man dem Phänomen, das es zu beschreiben gilt, nicht gerecht: Denn die Wechselwirkungen zwischen dem Realen und dem Virtuellen sind keineswegs problematisch. Im Gegenteil: Gerade die Internet-Kritiker werden nicht müde, darauf hinzuweisen, welche Gefahren von der virtuellen Sphäre für das reale Leben ausgehen. Anders ausgedrückt: Im Bereich des digitalen Dualismus gibt es niemanden, der für eine Variante der Abgeschlossenheitsthese plädiert. Daher gibt es auch kein Realitäts-Virtualitäts-Problem nach dem Muster des Leib-Seele-Problems.

Fazit: Die Analogie zwischen dem philosophischen und dem digitalen Dualismus ist sowohl theoretisch unzureichend als auch ungeeignet, den Hauptgedanken des digitalen Dualismus zu illustrieren.

Zu These 3:

Das vage Konzept, das mit dem unklaren Begriff „digitaler Dualismus“ bezeichnet werden soll, fußt in Wahrheit auf der verfehlten Dichotomie zwischen Primär- und Sekundärerfahrungen: Primärerfahrungen werden als „echte“, medial unverstellte Erfahrungen im Umgang mit der wirklichen Wirklichkeit angesehen, Sekundärerfahrungen dagegen bloß als mediale Scheinerfahrungen von zweifelhaftem Wert. Diese Dichotomie ist jedoch erkenntnis- und medientheoretisch unhaltbar, weil sie die mediale Grundierung aller unserer Erfahrungen ausblendet. Selbst der scheinbar unmittelbare Blick in die Welt geschieht immer durch mediale Brillen: Ein Kind, das am Montag einen Wikipedia-Eintrag über Igel gelesen hat und bei YouTube ein Igel-Video aufgerufen hat, wird am Dienstag im „echten“ Wald einen „echten“ Igel sehr wahrscheinlich leichter entdecken als ein Kind, das nichts über Igel weiß. Und wenn die Dichotomie zwischen Primär- und Sekundärerfahrungen – wie im Fall des digitalen Dualismus – nur auf „neue“ Medien bezogen wird, gerät völlig aus dem Blick, dass unsere Erfahrungen nicht erst seit dem Internet, sondern immer schon medialisiert waren und sind. Stefan Münker hat beispielsweise darauf hingewiesen, dass das älteste elektrische Medium, das genutzt wurde, um eine virtuelle Welt zu realisieren, das Telefon war.FOOTNOTE: Footnote Und natürlich virtualisieren auch nicht-elektronische Medien wie das Buch und die Schrift.

Fazit: Anstatt gegen die Windmühlen des digitalen Dualismus zu kämpfen, sollte man daher das Augenmerk darauf richten, der irreführenden Rede von Primär- und Sekundärerfahrungen entgegen zu wirken.

Zu These 4:

Wampfler plädiert für eine monistische Lösung angesichts der Probleme, die der digitale Dualismus (scheinbar) verursacht, weil er glaubt, dass das Virtuelle und das Reale verschmelzen und ununterscheidbar werden:

„Digitaler Dualismus wird verschwinden, weil die beiden Sphären sich nicht mehr unterscheiden lassen. Wir werden die Augen durch Brillen sehen, die unser Modell von der Realität mit Informationen ergänzen – und in der virtuellen Sphäre unsere Städte, Wohnungen und Mitmenschen auf eine ganz natürliche Art und Weise erleben. Das heißt nicht, dass wir über diese Erfahrungen und Seinsweisen nicht nachdenken sollten.“

Doch eine monistische Position, die davon ausgeht, dass zwei vermeintlich getrennte und wesentlich verschiedene Seinsbereiche in Wahrheit identisch sind, ist im Hinblick auf den digitalen Dualismus von Realität und Virtualität grundsätzlich verfehlt. Weiter oben ist bereits gezeigt worden, dass die Analogie zwischen einem philosophischen und einem digitalen Dualismus nicht tragfähig ist: Denn im Gegensatz zum klassischen Leib-Seele-Dualismus, in dessen Rahmen der Monismus eine Möglichkeit ist, an der Abgeschlossenheitsthese und der Wechselwirkungsthese festzuhalten, gibt es im Rahmen des digitalen Dualismus kein Analogon zur Abgeschlossenheitsthese und damit keine Notwendigkeit, entweder die Verschiedenheits- oder die Wechselwirkungsthese aufzugeben. Die Rede von zwei Seinsbereichen, die miteinander wechselwirken, impliziert kein Problem und schon gar nicht die Notwendigkeit, das Virtuelle und das Reale letztlich als ununterscheidbar anzusehen und einen „digitalen Monismus“ zu vertreten.

Vergleichbar ist die Sachlage – zumindest in einigen Aspekten – mit der Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität: Auch hier gibt es zwei Seins-Sphären oder – mit Markus Gabriel gesprochen– zwei Sinnfelder, die sich einerseits klar unterscheiden lassen, die aber andererseits auch miteinander wechselwirken. Denn aus einem fiktionalen Roman können wir selbstverständlich etwas über das reale Leben lernen und fiktionale Texte verhalten sich ihrerseits parasitär zur außertextlichen Realität. Und es wäre fatal, hier den Realitäts-Fiktions-Dualismus zugunsten eines Monismus (z.B. des Pan-Fiktionalismus) aufzugeben und beispielsweise anzunehmen, letztlich sei alles bloße Fiktion. Die angemessene Strategie besteht vielmehr darin, die Unterschiede zwischen den Sinnfeldern deutlich zu benennen und die vielfältigen Wechselwirkungen adäquat zu berücksichtigen.

Wampfler führt in seinem Wikipedia-Artikel einige Beispiele an, die vermeintlich zeigen, welche Unterscheidungen digitale Dualisten zu Unrecht vornehmen. Bezeichnenderweise lässt sich an den genannten Beispielen sehr gut zeigen, wie wichtig gerade in diesen Fällen eine sorgfältige Differenzierung zwischen Virtualität und Realität ist. Um nur eines der Beispiele, die allesamt leicht widerlegt werden können, aufzugreifen: Dass „geografische Orte von ihrer virtuellen Repräsentation auf einer Karte“ unterschieden werden, ist keine verfehlte theoretische Grille des naiven digitalen Dualisten, sondern schlicht eine Notwendigkeit. In Wahrheit ist es nämlich naiv, die Differenzierung zwischen geografischem Ort und kartographischer Repräsentation nicht vorzunehmen. Das wird auch der größte Anhänger des digitalen Monismus rasch einsehen, wenn er versucht, seinen Wagen an der kartographischen Repräsentation einer Tankstelle zu befüllen. Der kartographischen Repräsentation der Tankstelle könnte man geradezu das Magritte’sche Label „Dies ist keine Tankstelle“ anheften:

Fazit: In der vagen Rede vom digitalen Dualismus steckt daher ein wahrer Kern: Denn es gibt gravierende Unterschiede zwischen dem Virtuellen und dem Realen, die man nicht durch eine monistisch-eliminative Sichtweise ignorieren darf.