Fobizz hat ein neues KI-Tool entwickelt: Lyricus, den „motivierenden Lyrik-Lotsen“ in Gestalt eines alten weißen Mannes, der statt einer Lyra Stift und Papier in den Händen hält.
Mit ihm soll „Poesie zum Kinderspiel“ werden.

Doch Lyricus lädt Lernende vor allem zum Kinderspiel der Kompetenz-Simulation ein, wie das folgende Beispiel zeigt:
Ich starte Lyricus mit einem Klick und entscheide mich für KI-Hilfestellung beim Schreiben eines Parallelgedichts.
Ich möge mir ein Gedicht aussuchen, bittet mich Lyricus. Falls mir keines einfalle, könne er mir „Leise rieselt der Schnee“ vorschlagen.
Mein Input: „Gut.“
Das findet Lyricus „Super!“. Er verrät mir ungefragt die Reimstruktur des Gedichts und gibt mir drei Auswahlmöglichkeiten für das Thema des Parallelgedichts: Herbst, Freundschaft, Abenteuer.
Mein Input: „Herbst.“
Das findet Lyricus „Perfekt!“. Der Herbst sei ein schönes Thema. Ob mir eine erste Strophe einfalle, möchte Lyricus wissen. Bevor ich antworten kann, macht er sicherheitshalber selbst einen Vorschlag: „Buntes Laub bedeckt den Grund.“ Meine neue Aufgabe bestehe jetzt darin, einen zweiten Vers zu schreiben. Ich könne natürlich um Hilfe bitten.
Mein Input: „Hilfe.“
Das ist für Lyricus „kein Problem!“. Geschwind schreibt er auch die nächste Zeile: „Der Wind erzählt von mancher Stund.“ Wie das für mich klinge und ob ich den Vers verwenden wolle?
Mein Input: „Nehme ich.“
Das findet Lyricus „Klasse!“ Und da es gerade so gut läuft, schreibt er auch den nächsten Vers: „Die Sonne strahlt in goldnem Glanz.“ Ob mir ein Reim auf Glanz einfalle oder ob ich Hilfe benötigen würde, möchte Lyricus wissen.
Mein Input: „Hilfe.“
Sofort schlägt Lyricus „Die Blätter tanzen ihren letzten Tanz.“ vor. Ob mir das gefalle und ob ich den Vers verwenden wolle?
Mein Input: „Nehme ich“
Das findet Lyricus „Großartig!“…
usw. usw. usw.
Lyricus hat offensichtlich die kommunikative Kompetenz von Weizenbaums ELIZA. Und Lernende werden nicht lange brauchen, um herauszufinden, wie einfach sich durch die alternierende Eingabe von „Hilfe“ und „Nehme ich“ ein Gedicht erstellen lässt.
Lyricus schult vor allem eins: die Kompetenz-Simulations-Kompetenz.
Und ja: Man kann Lyricus auch zu gehaltvolleren Dialogen bewegen. Die Affordanz des Tools geht aber in eine ganz andere Richtung und macht Anwendungen wie die oben skizzierte wahrscheinlicher als didaktisch durchdachte Best-Practice-Beispiele.

Hallo Axel, danke für dein Experiment und das Teilen. Mir geht es in diesem Kommentar nicht um das konkrete fobizz-Tool, sondern um eine grundsätzlichere Frage, zu der mich deine Beschreibung geführt hat:
👉 Kann Auswahl eine Form von Kreativität sein und wenn ja, sollte diese Form von Kreativität gerade in einer digitalen Zeit des Überflusses und von generativer KI gelernt werden und wenn nochmals ja, wie könnte das gehen?
Zum Hintergrund: Schon lange vor LLM-Zeiten habe ich auf Internetquatsch zum Beispiel das Tool https://curator-and-the-machine.glitch.me eingetragen. Mithilfe eines Algorithmus werden hier Bilder gekitzelt. Als Mensch kann ich irgendwann ‚Stopp‘ sagen – und kuratiere so ein ‚Kunstwerk‘. Ich fand das damals als Ansatz sehr spannend und habe seitdem somit auch immer mal wieder die These vertreten, dass Auswahl eine Form von Kreativität sein kann. Dein Text hat mich da nun etwas fragend zurück gelassen, ob das tatsächlich stimmig ist oder vielleicht auch nur in Kombination mit Selbstgestaltung der jeweils verwendeten generativen KI funktioniert oder einfach insgesamt eine blödsinnige Auffassung war.
Viele Grüße
Nele
Das Kritzel-Ding funktioniert ja nach dem Zufallsprinzip bzw. ich weiß nicht, was als nächstes kommt und muss dann entscheiden, wann ein „Werk“ für mich passt. Und ich mache das für mich, aus eigenem Antrieb, zum Spaß. Lyricus wird nicht aus eigenem Antrieb genutzt, nicht zum Spaß, sondern um eine Aufgabe zu lösen, die man oft gar nicht lösen will. Lernende instrumentalisieren ihn, um eine Abkürzung im Unterricht zu nehmen. DAS ist vielleicht die kreative Dimension des Tools: Die Entwickler glauben, es gehe um Lyrik, die Lernenden nutzen es als Kompetenzsimulations-Tool. 🙂