Schwarze Pädagogik und der Bayerische Philologenverband

Der Bayerische Philologenverband (bpv) wendet sich in einer als „Faktencheck und Kommentar“ betitelten Stellungnahme gegen eine Petition zur Abschaffung unangekündigter Leistungsnachweise in Bayern.

Ein „Argument“ für die Beibehaltung unangekündigter Tests lautet:

Im Berufsleben sind wir […] immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen auch unangekündigt Leistung erbracht werden muss. Aufgabe der Schule ist es, auch hierauf vorzubereiten. Wir halten deshalb unangekündigte Leistungsnachweise für ein pädagogisches Instrument, das auch heute noch sinnvoll eingesetzt werden kann. (Quelle)


Doch in Wahrheit ist es natürlich Unsinn, wenn man annimmt, dass der erfahrene Ingenieur, der gerade beim Bau eines Atomkraftwerks „unangekündigt“ seine Leistung abrufen muss, dankbar an die unangekündigten Vokabeltests zurückdenkt, die ihn punktgenau auf diese Herausforderung vorbereitet haben.

Um traditionelle Daumenschrauben schwarzer Pädagogik (vgl. Rutschky 1977) zu erhalten, werden wohlfeile Scheinargumente präsentiert.

Unangekündigte Tests sind vor allem Machtinstrumente, die Angst und Stress erzeugen und das Lernen be- und verhindern. Sie sind schon aus moralischen Gründen abzulehnen. 

Schülerinnen und Schüler können sie nur auf eine Weise sinnvoll instrumentalisieren: als Charaktertest ihrer Lehrerinnen und Lehrer.

Literatur:

Rutschky, Katharina (Hrsg.) (1977):  Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. Ullstein.

Die Banalisierung der Interaktivität

In seinem Klassiker „The Language of New Media“ (2001) hat Lev Manovich grundlegende Fehlannahmen über die Charakteristika digitaler Medien dekonstruiert. Dazu zählt der Mythos der Interaktivität, der sich folgendermaßen formulieren lässt:

„New media is interactive. In contrast to old media where the order of presentation is fixed, the user can now interact with a media object.“ (Manovich 2001, S. 55)

Manovich hält die Rede von der Interaktivität digitaler Medien für tautologisch. Denn Interaktivität meint bezogen auf den modernen Computer, dass eine Nutzerin z.B. über eine Tastatur bestimmte Rechenprozesse in Echtzeit manipulieren kann, während früher auf älteren Computern lediglich Programme abliefen, in die man nicht eingreifen konnte. Interaktivität ist in diesem Sinne ein Wesensmerkmal des modernen, mit einem „Human-Computer-Interface“ (HCI) ausgestatteten Computers: „Therefore, to call computer media ‘interactive‘ is meaningless – it simply means stating the most basic fact about computers.“ (Manovich 2001, S. 55)

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KI als pädagogisches Prokrustesbett

Aus der griechischen Mythologie stammt die Sage von Prokrustes, der Reisenden einen Schlafplatz anbietet, ihnen dann jedoch die Gliedmaßen abhackt oder streckt, wenn sie nicht nahtlos in sein Bett passen. Anstatt die Schlafstätte an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen, werden die Menschen für das Bett des Prokrustes gewaltsam zugerichtet.

Der Einsatz von KI-Technologie im Bildungsbereich erweist sich vor diesem Hintergrund häufig als Prokrustesbett: Anstatt die KI an das Lernen anzupassen, wird das Lernen für die KI passend gemacht. Der Unterricht orientiert sich an den Affordanzen der KI, nicht an fachlichen Kompetenzen oder den Bedürfnissen der Lernenden – schließlich kann man jetzt in wenigen Sekunden aus einem YouTube-Video-Skript ein Kahoot generieren oder Lückentexte zu beliebigen Themen erstellen.

Insbesondere dann, wenn mit KI-Technologie die Hoffnung verbunden wird, die Zeit des „One-size-fits-all“ zu beenden und quasi auf Knopfdruck „maßgeschneiderte“ Lernpfade für jede(n) Lernende(n) zu generieren, sollte man sich der Gefahr bewusst sein, dass der Schneider, der hier Maß nimmt, Prokrustes heißen könnte.

Ein Schneider steht vor seinem Laden. Im Schaufenster sind Kleidungsstücke zu sehen. Er hält ein Beil in der Hand, mit dem er die Kunden passend für die Kleidung macht.