Didacticus und die Erzählmaus. Oder: Wie neue KI-Tools alten Unterricht machen.

Die niedlich-kindgerechte Erzählmaus ist eine unterrichtliche Untote, die bislang alle Versuche, sie schreibdidaktisch zu erlegen, überlebt hat.

Auch heute noch lernen kleine Menschen, wie man mit der Erzählmaus schlechte Geschichten schreibt, die dann aber gute Noten bekommen, weil sie dem Schema der Erzählmaus entsprechen. 

(Die ideale Erzählmaus und ihre schulisch unerwünschten Mutationen.)

Die toxische Maus repräsentiert nichts anderes als ein „schematisiertes und reduziertes Erzählmuster“ (Maiwald 2011, S. 62), das die Wirklichkeit des Erzählens nicht einmal ansatzweise widerspiegelt und sich zudem am Schema des geschlossenen Dramas (Gustav Freytag) orientiert, d.h. schon strukturell die Gattung verfehlt.

Das narrative Prokrustesbett, in das die Maus schulische Erzählungen presst, entspricht in der Regel nicht dem kindlichen Erleben, das keiner Sensationsdramartugie mit einheitlicher Spannungskurve und sicherem Höhepunkt folgt. 

Wenn dann auch noch sprachliche Tricks vermittelt werden, um die einzelne Punkte auf der Mauskurve explizit zu machen, dann lernen die Schüler:innen z.B., dass der Höhepunkt der Geschichte mit dem Wort „plötzlich“ eingeleitet werden kann. Und sie lernen – der Mauslogik folgend – dass das Wort „plötzlich“ nicht zu früh (= erst nach dem siebten Satz!) verwendet werden darf, weil sonst der Höhepunkt zu früh kommt. 

Am Höhepunkt selbst gibt es bevorzugt „rasende Herzen“, „schlotternde Knie“ oder […] „feuchte Hände“. Am Ende ist man dann gerne „noch einmal davongekommen“, hat man „noch mal Glück gehabt“ und wird „dieses Erlebnis nicht so schnell vergessen. (Maiwald 2011, S. 63)

Die „Monokultur der Mauskurve“ (Maiwald 2011, S. 69) produziert klischeehafte, unnatürliche, effekthascherische Erzählungen, die ansonsten im Deutschunterricht allerhöchstens als Trivialliteratur gebrandmarkt würden.

Schüler:innen lernen nicht, wie man gute Geschichten erzählt, sondern wie man gute Noten bekommt, wenn man dem Kompetenz-Simulations-Algorithmus der Maus folgt.

Wer die Erzählmaus mit dem Argument zu retten versucht, dass schwächere Schüler:innen doch eine Struktur und Hilfestellung benötigen würden, ignoriert aktuelle schreibdidaktische Ansätze (z.B. die Theorie der Textprozeduren nach Feilke/Rezat 2020) oder kennt sie schlicht nicht. 

Aber wer muss in Zeiten von KI noch didaktische Theorien kennen? Schließlich gibt es eine ganze Reihe von Tools die versprechen, den Unterricht mit „didaktischem Know-how“ (schooltogo.de) und vor allem „schnell und effektiv“ (fobizz.com) per Prompt zu planen und dabei ganz, ganz viel Zeit zu sparen.

Es besteht jedoch die reale Gefahr, dass uns die ach! so zeitsparenden und entlastenden KI-Tools nicht auf innovative, didaktisch reflektierte Wege führen, sondern alte und problematische unterrichtliche Planungs- und Handlungsmuster reproduzieren.

Das lässt sich exemplarisch an „Didacticus“, dem Unterrichtsplaner von fobizz.com zeigen, dessen didaktische Ansichten so verstaubt sind, wie es sein lateinischer Name vermuten lässt. 

Fragt man Didacticus nach der Erzählmaus, gerät er ins Schwärmen: 

Das Schema sei hervorragend, einfach, anschaulich, klar, aktivierend und Fantasie anregend:

(Screenshot eines Chats mit „Didacticus“ bei fobizz.com.)

Die schreibdidaktischen Probleme, die mit der Erzählmaus verbunden sind, kennt Didacticus offenbar nicht. Zumindest werden sie mit keinem Wort erwähnt.

Und bezeichnenderweise hat er von der Theorie der Textprozeduren noch nie etwas gehört:

(Didacticus‘ didaktische Bankrotterklärung.)

Tools wie „Didacticus“ mögen Zeit sparen und Lehrende bei der Planung des Unterrichts entlasten. Genau das macht sie in der Breite anschluss- und vermarktungsfähig.

Der didaktische IQ der schulischen KI ist jedoch bestenfalls durchschnittlich und wir sollten uns bewusst sein, dass wir Gefahr laufen, mit diesen Tools einen systemischen Zementmischer anzuwerfen, der uns auch die nächsten Jahre bei der Unterrichtsplanung auf der Stelle treten lässt.


Literatur:

Feilke,Helmut /Rezat, Sara (2020): Textprozeduren. Werkzeuge für Schreiben und Lesen. In: Praxis Deutsch 281, S. 4-13.

Maiwald, Klaus (2011): Erzählt wird im Präteritum.  In: Ernst, Oliver / Freienstein, Jan-Claas / Schaipp, Lina (Hrsg.): Populäre Irrtümer über Sprache. Stuttgart: Reclam. S. 59-71.

4 Gedanken zu “Didacticus und die Erzählmaus. Oder: Wie neue KI-Tools alten Unterricht machen.”

  1. Erinnert sich noch jemand and den Gardnerschen Hype Circle?
    Der suggeriert, dass es eine Frage der Zeit ist, dass neue Technologien aus dem „Tal der Desillusionierung“ zum „Pfad der Erleuchtung“ wechseln. Was die Bildung betrifft, habe ich inzwischen den vielfach bestätigten Eindruck, dass es unter den Bedingungen des Kapitalismus doch nicht so simpel ist. Zwar wird mit jedem neu erfundenen Tool sofort ein neuer Hype in Gang gesetzt, der die „technikaffinen“ Lehrer wieder auf den euphorischen Anfang setzt, wenn nicht unbedingt, den Erlöser zu erwarten, aber doch immer noch Technikentwicklung für neutral und daher, wenn „richtig angewendet“ für nützlich, weil fortschrittlich zu halten. Dabei wird immer vergessen: Alles hat Bedingungen. Das sind die Voraussetzungen, unter denen bestimmt wird, was geht und was nicht geht. Die Bedingungen sowohl für eine menschenfreundliche Technikentwicklung als auch für eine „gerechte“ lernförderliche Bildung sind derzeit schlecht und werden schlechter. Den Rückfall in billige überholte didaktische Vorstellungen und Methoden, angeklebt an „neue Technik“ erleben wir jetzt zum X. Mal. Wir sollten uns (wieder) auf die Ziele der Bildung konzentrieren:
    kritisch denken, die Komplexität der Welt verstehen und sich effektiv für die eigenen Bedürfnisse einsetzen zu können.
    Das geht nur zusammen und mit Hilfe in diesen Dingen erfahrener Menschen und braucht viel Zeit

  2. Zu durchschauen ist das doch recht schnell. Nicht zuletzt mit der Unterstützung solch präziser Analyse.
    Dass „es“ nicht anders wird, kann also streng genommen nicht daran liegen, dass es zu hoch wäre und schwer zu begreifen.
    Es muss eine Absicht dahinter liegen, und Wissen, Können.
    Die Zunft weiss, was sie tut und warum.
    Didaktik als Taschenspielertrick. Der funktioniert nur, wenn die Ablenkung funktioniert. Sie ist die Voraussetzung, die eigentliche, die hohe Kunst.
    Sie funktioniert 🤷‍♂️

  3. Ich habe verschiedene Sprachmodelle lokal mit dem Prompt „Was weißt du über die Theorie der Textprozeduren nach Feilke?“ getestet, darunter zum Beispiel gemma, qwen, llama, dann auch ChatGPT-4. Sämtliche Modelle haben ausführlich zu Feilke geantwortet. Hinter Didactus steht laut eigener Aussage eine Variante von ChatGPT-4, die anscheinend gefiltert wird oder gefilterte Inhalte benutzt. Immerhin: fragt man Didactus nach Kritik zur Erzählmaus, werden Argumente aufgeführt, die auch in diesem Beitrag zu lesen sind.

    • Danke. Das macht die ganze Sache aus meiner Sicht aber noch problematischer. Warum sollten aktiv neuere didaktische Modelle, die ChatGPT 4 kennt, bei Didacticus weggefiltert werden?

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