Rita: Do you ever have déjà vu?
Phil: Didn’t you just ask me that?
– Zitat aus Groundhog Day (1993)
Im Jahre 1994 formulierte eine Initiativgruppe erfahrener Persönlichkeiten aus allen Bereichen des Bildungswesens das „Berliner Memorandum”.
Damit sollte den Entscheidungsträger:innen in Bildungspolitik, Bildungsverwaltung und Bildungspraxis deutlich gemacht werden, wie wichtig es sei, auf die rasanten Entwicklungen im Bereich der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien zu reagieren.
Ich habe ein Experiment gemacht:
Dort, wo im „Berliner Memorandum“ von 1994 Ausdrücke wie „neue Informations- und Kommunikationstechnologien“ oder „vernetzte Computersysteme“ vorkommen, habe ich sie durch „Künstliche Intelligenz“, „KI-Systeme“ oder schlicht „KI“ ersetzt.
Das auf diese Weise entstandene „Berliner Memorandum (2024 Edition)“ zeigt, dass die Debatte um KI heute inhaltlich, strukturell und argumentativ exakt so verläuft wie der Diskurs über die „neuen Medien“ der 1990er.
Berliner Memorandum (2024 Edition)
Situation
Die gesellschaftlichen und familiären Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche heute aufwachsen, haben sich wesentlich gewandelt. Entsprechend verändern sich die Aufgaben der Schule und die an sie gestellten Ansprüche. Insbesondere stellen die technologischen Entwicklungen als Bestandteil eines komplexen gesellschaftlichen Wandels zusätzliche Anforderungen an die Gestaltung von Lernen und Schule. Veränderte Qualifikationsanforderungen, die bedingt sind durch den enormen Zuwachs an Wissen sowie die rasche Verbreitung neuer Erkenntnisse, machen zukünftig lebenslanges Lernen noch wichtiger.
Ein wesentliches Instrumentarium hierfür stellt die Auseinandersetzung mit neuen Techniken Künstlicher Intelligenz (KI) dar. Kinder und Jugendliche nutzen diese neuen Techniken in Familie und Freizeit ganz selbstverständlich. Pilotprojekte haben gezeigt, dass der Einsatz von KI im Unterricht pädagogisch verantwortbar und geboten ist. Es besteht Einvernehmen unter allen Beteiligten, dass dadurch eine neue Qualität von Schule erreicht werden kann. Während Lehrerinnen und Lehrer KI zunehmend für ihre Unterrichtsvorbereitung verwenden, setzen sie sie im Fachunterricht nur selten ein. In der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrer:innen wird der Einsatz von KI als Werkzeug und Medium im Unterricht nur sporadisch aufgegriffen.
Chancen und absehbare Möglichkeiten
So wie die Erfindung des Buchdrucks die Gedanken und Erfahrungen eines Autors Millionen von Lesern in einer vorher undenkbaren Weise verfügbar gemacht hat, so können zukünftig KI-Systeme an beliebigen Stellen und zu beliebiger Zeit sowohl bewährte als auch zukunftsweisende Lerninhalte und -verfahren in jeder Lernsituation nutzbar machen. Wenn man diese Möglichkeiten konsequent durchdenkt und bestrebt ist, das Beste für die Lernenden zu erreichen, dann müssen einem viele der herkömmlichen Verfahren geistiger Arbeit zum Aneignen von Wissen und zum Gewinnen neuer Erkenntnisse ineffizient und unzeitgemäß vorkommen.
KI-gestütztes Lernen erschließt dynamisch und interaktiv neue Bildungsziele und Lernwege. Mit solcher Lernsoftware kann Neues gelernt, neu Gelerntes geübt, früher Gelerntes beliebig wiederholt und vertieft werden, und zwar auf außergewöhnlich differenzierte und individuelle Art und Weise. So wird entdeckendes Lernen gefördert. Die Lernenden können selbstbestimmt und eigenständig ihren Lernweg durch den Einsatz eigenen Wissens, eigener Fähigkeiten und Lernstrategien gestalten. Sie können ihre Lernfortschritte selbst erkennen. Soziale Fähigkeiten können sich bei entsprechendem Lernarrangement entfalten. Der Erwerb von Methoden- und Medienkompetenz wird gefördert. Dies alles erhöht Motivation und Freude am Lernen. Die Veränderung der Rolle der Lehrenden von der Wissensvermittlung hin zur Moderation im Lernprozess wird sich verstärken. Dadurch entstehen Freiräume und Chancen für mehr denn je notwendiges pädagogisches Handeln. Die sich jetzt abzeichnenden Entwicklungen im Bereich der KI eröffnen neue Chancen für aktiveres Lernen, wie sie im übrigen in anderen Staaten bereits entschlossener genutzt werden.
Forderungen
Notwendig ist jetzt die Förderung innovativer Ansätze, die neue Inhalte, Verfahren und Organisationsformen des Lernens und Arbeitens innerhalb und außerhalb der Schule durch konsequente Nutzung von KI-Systemen eröffnen.
Im einzelnen heißt dies:
1. Entwicklung und Erprobung von Szenarien für ein neues Lernen in der Schule und an anderen Lernorten.
Derartige Szenarien sollen den Pädagogen, der Schulverwaltung und den Unternehmen Anregungen für ihre Planung geben. Didaktik, empirische Unterrichtsforschung und Lernpsychologie müssen die neuen Fragestellungen entschiedener als bislang aufarbeiten.
2. Konzentrierte länderübergreifende Maßnahmen zur Entwicklung pädagogischer, insbesondere didaktischer Konzepte und zur Sicherung hochwertiger Software-Lösungen.
Die Verfügbarkeit der neuen KI-Systeme erfordert die Weiterentwicklung der Richtlinien und Lehrpläne durch die Länder. Die Zusammenarbeit von Schulverwaltung, Forschungseinrichtungen, Verlagen sowie Hard- und Software-Unternehmen ist zur Entwicklung von bildungspolitischen und pädagogischen Gesamtkonzeptionen notwendig, damit Lernende und Lehrende überall dieselben Chancen erhalten.
3. Maßnahmen der Lehrer:innenausbildung und -fortbildung für alle Schulformen
Kompetente Nutzung pädagogisch wertvoller KI-Anwendungen setzt Übung voraus. Deshalb sollen Schulleiter:innen, Schulleitungen und Lehrer:innen jetzt beginnen, sich entsprechende Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen und sie praktisch anzuwenden, auch wenn ihre Schulen noch nicht über eine optimale KI-Ausstattung verfügen. Berücksichtigung und Aufarbeitung von bildungspolitisch und schulpraktisch bedeutsamen Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz müssen in der Lehrer:innenbildung eine hohe Priorität erhalten.
4. Ausstattung aller Schulen mit besonders geeigneten und datenschutzkonformen KI-Systemen
Nur so können die notwendigen schulpraktischen Erfahrungen gewonnen und ausreichend erörtert sowie Maßnahmen der Lehrer:innenbildung sachgerecht vor- und nachbereitet werden. Verantwortung für eine gleichermaßen zeitgemäße wie zukunftsorientierte Bildung tragen wir alle. Die Entscheidungsträger in Bildungspolitik, Bildungsverwaltung und Bildungspraxis sind aufgerufen, an der Verwirklichung der hiermit vorgelegten Forderungen entschlossen mitzuwirken.
(Hier geht’s zum „Berliner Memorandum“ im Original von 1994)

Aber ist die sogenannte KI denn tatsächlich ein neues Kommunikationsmedium im Sinne der Vorstellung des Leitmedienwandels von Sprache, Schrift, Buchdruck, Digitalität?
Ne, aber ansonsten passt es ziemlich gut 😉
Die Forderungen (2024) sind nachvollziehbar und angemessen. Aber was folgt aus der Tatsache, dass seit Jahrzehnten die immer selben Forderungen – mit den jeweils zeitaktuellen technischen Neuerungen- an die Verantwortlichen gestellt werden? Zeigt das nicht, dass sich ingesamt nicht oder nur unzureichend mit den (technischen) Entwicklungen und Einflüssen für das Lernen (und Lehren) auseinandergesetzt wird?
Ein Hamburger Elitegymnasium, das Christianeum in Othmarschen hat ein Handy-Totalverbot für die Klassen 5-9 eingeführt. Ich bin mir nicht sicher zu wissen, ob es dumm oder klug ist unter den gegebenen Umständen
https://www.rnd.de/beruf-und-bildung/handyverbot-hamburger-gymnasium-verbietet-smartphones-das-sagen-fachleute-OFCMVFCUCRHC5GYUGFIEMDBZCQ.html
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