Einflussreiche (und zumeist sehr privilegierte) Menschen, die in den sozialen Medien, Spiegel-Bestsellern und Talkshows ein Verbot von Smartphones und sozialen Medien für Kinder und Jugendliche fordern, haben erkannt, dass besorgte und verängstigte Eltern eine Sehnsucht umtreibt.
Es ist die Sehnsucht nach einer Kindheit, in der man noch unbeschwert mit Freund:innen draußen im Wald spielte, Bäume umarmte, lebendig im Laub herumtollte, barfuß durch den Schlamm patschte und sich die Knie blutig schlug, statt stundenlang stumpfsinnig auf Smartphones zu starren.
Um diesem nostalgisch-verbrämten Elternwunsch passgenau zu entsprechen, wendet die reichweitenstarke Verbots-Bubble eine ebenso einfache wie wirksame Strategie an, die man als Heidi-Strategie bezeichnen könnte: Gemeint ist die radikale Romantisierung einer natürlich-analogen Kindheit (wie auf Heidis Alm) bei gleichzeitiger Dämonisierung der digitalen Lebenswelt als künstlich und gefährlich (wie Heidis Frankfurt).
Die unberührte Natur in Gestalt einer bukolischen Alm ist der Sehnsuchtsort, an dem Kinder – wie Heidi – wohlbehütet und glücklich aufwachsen sollten. Das kalte digitale Internet hingegen ist ein unnatürlicher, gefährlicher und krankmachender Schreckensort – so wie für Heidi die Großstadt Frankfurt. Die Erwachsenen fügen sich als Alm-Öhis in dieses Bild ein: Sie sind digital oft ahnungslos, glauben aber genau zu wissen, was Kinder für ihr Wohlbefinden brauchen und vor allem: was nicht.
Ein kurzer Blick in Johanna Spyris Roman „Heidi“ (1880) soll diese Analogie stützen.
Gefängnisse und Käfige
In dem Kapitel „Fräulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag“ wacht Heidi morgens in ihrem Frankfurter Zimmer auf und verspürt den sehnlichen Wunsch, Himmel und Erde zu betrachten. Doch sie fühlt sich „wie im Käfig hinter den großen Vorhängen“, wie ein „Vögelein, das […] in seinem schön glänzenden Gefängnis sitzt“ (Spyri 1880, S. 103) und wenn sie aus den Fenstern schaut, sieht sie nur „Mauern und Fenster und dann wieder Mauern und dann wieder Fenster“ (ebd.).
In ähnlicher Weise stellen sich besorgte Eltern die digitale Welt ihrer kindlichen Vögelein vor: Dort gibt es enge Käfige aus Pixeln und düstere Filterblasen-Gefängnisse, aus denen die Kleinen nicht entrinnen können. Anstatt auf Himmel und Erde blicken sie auf digitale Mauern und starren durch Bildschirm-Fenster in virtuelle Welten.
Lärm und Überforderung
Der Lärm und die Hektik der Großstadt überwältigen Heidi. Das Geräusch vorbeifahrender Kutschen hält sie für das Rauschen der heimischen Tannen. Aufgeregt rennt sie zur Haustür und richtet in ihrer Verwirrung versehentlich ein großes Durcheinander an: „Da lag auf dem Boden alles übereinander, die sämtlichen Studien- Hilfsmittel, Bücher, Hefte, Tintenfass und obendrauf der Tischteppich, unter dem ein schwarzes Tintenbächlein hervorfloss, die ganze Stube entlang.“ (Spyri 1880, S. 108)
Was Heidi widerfährt, ist in den Augen der Alm-Öhi-Erwachsenen trauriger Alltag im Netz: Kinder sind auf der Suche nach dem Rauschen der Tannen (d.h. nach echten Erfahrungen), aber sie finden nur das mechanische Klappern der Technik (d.h. Algorithmen, Avatare, mediale Sekundärerfahrungen). Und das Chaos, das Heidi in ihrer Verwechslung von Natur und Technik im Studierzimmer anrichtet, korrespondiert mit dem schulischen Chaos, in dem sich Kinder wiederfinden, die allesamt durch das Netz verblödet sind.
Krankheit und Unglück
Heidi wird in Frankfurt vor lauter Heimweh nach der Alm physisch und psychisch krank: „Mondsüchtig! Krank! Heimweh! Abgemagert in meinem Hause!“ (Spyri 1880, S. 206), ruft der entsetzte Herr Sesemann, als er von Heidis kritischem Zustand erfährt. Und gegen die „in hohem Maße stattfindende Nervenaufregung giebt (sic!) es nur ein Heilmittel, nämlich, daß […] das Kind sofort in die heimatliche Bergluft zurückversetzt [wird]“ (ebd.).
Die mondsüchtige Heidi, die in Frankfurt von Fräulein Rottenmeier fremdbestimmt wird, findet aus der Sicht der Alm-Öhi-Erwachsenen ihr pathologisches Pendant im willenlosen Smartphone-Zombie, der von bösen Social-Media-Giganten mithilfe von Dopamin und Algorithmen ferngesteuert wird. Und wenn die Kinder der „Generation Angst“ durch Bildschirme mondsüchtig und krank werden, hilft – wie bei Heidi – nur eins: Raus aus Frankfurt, zurück auf die Alm oder zumindest in den Wald.
„Schwimmunterricht im Wald: Warum unsere Kinder das Waldbaden nicht verlernen dürfen“ heißt – völlig unironisch und nicht zufällig – ein Kapitel eines aktuellen Buches über Smartphones und Kinder, in dem die Autoren von der „rauschhaften Entrückung“ berichten, die „Schwimmbewegungen zwischen Bäumen“ auslösen können (Montag/Zierer/Maas 2024, S. 16).
Intellektuell und emotional passt zu solchen Wald-Schwärmereien das Titellied der Heidi-TV-Serie aus den 1970er Jahren: „Dunkle Tannen, grüne Wiesen im Sonnenschein. Heidi, Heidi, brauchst du zum Glücklichsein.“

Die Irrtümer der Alm-Öhis
Das Heidi-Kindheitsideal ist natürlich ebenso eine Fiktion wie Heidi selbst. Eltern wünschen sich für die eigenen Kinder eine verklärte Form der eigenen Kindheit zurück, die sie in der Retrospektive zu einem Ideal stilisieren, das in Wahrheit mehr mit einem Heimatfilm der 1950er Jahre als mit der gelebten Realität zu tun hat. Positive Erinnerungen werden überhöht, negative verdrängt.
Doch der gravierendste Irrtum der modernen Alm-Öhis liegt in der Annahme, dass reale Kinder (wie die fiktive Heidi) die analoge Alm bevorzugen.
Im 21. Jahrhundert ist das Netz für Kinder und Jugendliche kein fremdes, kaltes Frankfurt, das sie krank und mondsüchtig werden lässt. Es ist ihr sozialer Spielplatz, ein virtueller Schulhof und stets verfügbarer Rückzugsort, kurz: ein Teil ihres natürlichen Lebensraums. Sie fühlen sich dort nicht (wie die fiktive Heidi) eingesperrt, sondern vernetzt.
Die sentimentale Vorstellung, dass Kinder nur wirklich Kinder sind, wenn sie mit schlammverschmierten Gesichtern im Wald Bäume umarmen, ist eine adultistische Projektion, die die digitale Realität der Heranwachsenden nicht als kulturellen Raum, sondern als Defizit missversteht.
Kinder und Jugendliche leben längst in einer Welt, die keine klare Trennung von Realität und Virtualität mehr erlaubt. Ihre Identität, verstanden als „complex informational system, made of consciousness activities, memories and narratives“ (Floridi 2014, S. 69), wird in allen Aspekten maßgeblich durch die komplexen und beständigen Verflechtungen von Online- und Offline-Realitäten geprägt.
Viele Erwachsene hingegen tappen weiterhin in die gedankliche Falle des digitalen Dualismus’ und halten beharrlich daran fest, man könne eine echte, analoge, stoffliche und wertvolle Welt trennscharf von der degenerierten Scheinwelt des Virtuellen abgrenzen.
Wer das Internet in diesem Irrglauben pauschal als toxischen Sumpf diffamiert und die analoge Alm zum einzigen Ort kindlicher Unschuld verklärt, übersieht zudem die entscheidende Pointe der literarischen Vorlage: Auf der Alm wäre Heidi Analphabetin geblieben, nur in Frankfurt lernt sie die Kulturtechnik des Lesens.
Der Geißenpeter, ebenfalls ein Idealbild des naturnahen Kindes, hält das Lesen für unnötige Zeitverschwendung; die Schule ist ihm ein Graus. Erst in Frankfurt, im verhassten „Käfig“ der Zivilisation und unter dem Einfluss der städtischen Bildung (in Gestalt von Klaras Großmutter), lernt Heidi das Lesen. Erst die Konfrontation mit der komplexen authentischen Außenwelt ermöglichte ihr geistiges Wachstum.
Übertragen auf heute bedeutet das: Wer Kinder vor dem „digitalen Frankfurt“ bewahren will, indem er sie auf einer medienfreien Alm isoliert, schützt sie nicht, sondern entmündigt sie. Er verwehrt ihnen das Erlernen der Kulturtechniken unserer Zeit. Um in der modernen Welt mündig zu werden, brauchen Kinder keine Flucht in die Waldromantik, sondern Kompetenz im Netz. Sie müssen lernen, sich in Frankfurt zurechtzufinden, statt davor wegzulaufen.
Denn auf der Heidis Alm lernt man vielleicht, Ziegen zu hüten – aber man lernt dort nicht, die komplexe Welt des 21. Jahrhunderts zu lesen.

Literatur:
Floridi, Luciano (2014): The 4th Revolution. Oxford: University Press.
Maas, Rüdiger / Montag, Christian / Zierer, Klaus (2024): Das Digital-Dilemma. Was für die Entwicklung unserer Kinder heute wichtig ist. Hannover: Klett-Kallmeyer.
Spyri, Johanna (1880): Heidis Lehr- und Wanderjahre. Gotha: Friedrich Andreas Perthes.
Danke für diese überaus aufklärende (und erheiternde) Reise auf die Alm! Kann den Aspekt absolut nachvollziehen.
Pingback: Politik von Gestern: Das Ganztagsförderungsgesetz - Schule, Schulleitung, Familie, DIY