Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht in den Social Media auf alarmistische Weise vor den Gefahren der Social Media gewarnt wird.
Pädagogische Populist:innen können sicher sein, dass besorgnisgetränke Postings über die nächste TikTok-Challenge, gefährliche DeepFake-Videos oder eine neue Nudify-App wohlfeile Klicks und die gewünschte Aufmerksamkeit erzeugen.
Selbst dann, wenn man wohlwollend unterstellt, dass es den reichweitenstarken Influencer:innen tatsächlich um den Schutz der Kinder und Jugendlichen und nicht um die Steigerung des eigenen Marktwerts geht, ist das alarmistische Social-Media-Dauerfeuer scharf zu kritisieren.
Denn die Art und Weise, wie (fast) Tag für Tag diffuse Angst adressiert und moralische Panik geschürt wird, hat performative Auswirkungen auf die Phänomene, die im Mittelpunkt stehen.
Die Wirkmechanismen sind seit langem bekannt:
Wenn Kinder und Jugendliche ständig als wehr- und willenlose Opfer dargestellt werden, kann das im Sinne der medieninduzierten Reaktanz paradoxe Effekte auslösen. Der bewusste Widerstand gegen die von Erwachsenen verhängten Verbote führt dann zu genau den Verhaltensweisen, die ursprünglich verhindert werden sollten:
„The exaggerated fears around online risk and official warnings merely promote the challenge culture and drives youngsters to seek out these challenges.“ (Bada/Clayton 2020, S. 6)
Vor allem die auf Klicks und Reichweite ausgelegten Warnungen vor gefährlichen Challenges und Trends widersprechen den Standards des verantwortungsvollen Umgangs mit diesen komplexen Phänomenen. In einer von der Landesanstalt für Medien in NRW 2024 herausgegebenen Studie heißt es beispielsweise:
„Insbesondere potenziell gefährliche und tödliche Challenges sollten nicht prominent in den Medien diskutiert werden – und wenn doch, dann nicht ohne entsprechende Einordnung. Eine umsichtige Berichterstattung, die auf mögliche Gefahren von negativen Challenges, aber auch auf Möglichkeiten zum Schutz sowie auf Hilfsangebote und Anlaufstellen hinweist, ist eine hilfreiche Kontextualisierung.“ (Kobilke/Markiewitz 2024, S. 24)
Wenn Influencer:innen in einer Mischung aus Erschütterung und Betroffenheit gezielt moralische Panik erzeugen, mag das die eigene Reichweite erhöhen – eine „umsichtige Berichterstattung“, die vor allem den Schutz von Kindern und Jugendlichen zum Ziel hat, sieht hingegen anders aus.
Vielmehr sind die entsprechenden Postings integraler Teil einer medialen Risikospirale, bei der jede eindringliche Warnung neue Aufmerksamkeit erzeugt und so das eigentliche Problem performativ verstärkt – eine Art Streisand-Effekt durch amplifizierende Alarm-Rhetorik.
„So exaggerating youth risk-taking and spreading both the hype and fear only increases the risk to young people […]. It directly impacts their behaviour, in this case in a negative direction“ (Bada/Clayton 2020, S. 3)
Zugespitzt formuliert:
Die auf die Maximierung von Aufmerksamkeit ausgerichteten Postings der Influencer:innen, die der algorithmischen Logik der jeweiligen Plattform folgen, sind genau dann ein Teil des Problems, wenn sie – auch wider die eigentlichen Intentionen – problematische Trends verstärken, moralische Panik schüren sowie Emotionalität und Apodiktizität an die Stelle von Rationalität und Diskurs setzen.
Die tatsächliche Gefährdung von Kindern und Jugendlichen mindert man auf diese Weise nicht.
Quellen:
Bada, Maria/Clayton, Richard (2020): Online Suicide Games: A Form of Digital Self-Harm or A Myth. Online-Quelle: https://arxiv.org/pdf/2012.00530
Kobilke, Lara / Markiewitz, Antonia (2024): Challenge accepted: Welche Challenges sich auf TikTok verbreiten und wie Kinder und Jugendliche sie wahrnehmen. Zentrale Ergebnisse von Inhaltsanalyse und Befragung. Herausgegeben von der Landesanstalt für Medien (NRW). Online-Quelle: https://www.medienanstalt-nrw.de/fileadmin/user_upload/Bericht_TikTokChallenges_LFMNRW.pdf
