Vodafone wirbt aktuell mit dem Slogan „Go Real Life: Leb im Jetzt statt im Netz“:
Hinter dieser naiven Gegenüberstellung steht der digitale Dualismus:
WeiterlesenVodafone wirbt aktuell mit dem Slogan „Go Real Life: Leb im Jetzt statt im Netz“:
Hinter dieser naiven Gegenüberstellung steht der digitale Dualismus:
WeiterlesenDie niedlich-kindgerechte Erzählmaus ist eine unterrichtliche Untote, die bislang alle Versuche, sie schreibdidaktisch zu erlegen, überlebt hat.
Auch heute noch lernen kleine Menschen, wie man mit der Erzählmaus schlechte Geschichten schreibt, die dann aber gute Noten bekommen, weil sie dem Schema der Erzählmaus entsprechen.
Die toxische Maus repräsentiert nichts anderes als ein „schematisiertes und reduziertes Erzählmuster“ (Maiwald 2011, S. 62), das die Wirklichkeit des Erzählens nicht einmal ansatzweise widerspiegelt und sich zudem am Schema des geschlossenen Dramas (Gustav Freytag) orientiert, d.h. schon strukturell die Gattung verfehlt.
Das narrative Prokrustesbett, in das die Maus schulische Erzählungen presst, entspricht in der Regel nicht dem kindlichen Erleben, das keiner Sensationsdramartugie mit einheitlicher Spannungskurve und sicherem Höhepunkt folgt.
WeiterlesenHandyverbote oder gar Handytresore (!) sind das Resultat eines Diskurses, der durch pädagogischen Populismus, moralische Panik, verängstigte und wenig informierte Eltern, verunsicherte Lehrende, Kulturpessimismus, Bewahrpädagogik, qualitativ minderwertigen Bildungsjournalismus, digitalen Dualismus und eine positivistisch-verengte, effizienzorientierte Sicht auf Schule und Bildung geprägt ist.
Diejenigen, die sich für Handyverbote aussprechen, betonen häufig im selben Atemzug, dass es ihnen nicht um die prinzipielle Verbannung digitaler Technik aus dem Unterricht gehe.
Schließlich wisse man, was Lernen in der Kultur der Digitalität bedeute und wie man innovativen Unterricht organisiere. Verbieten wolle man nur die unkontrollierte Nutzung privater Handys. Mit schulisch-administrierten Geräten lasse sich dann gezielt und lernförderlich arbeiten.
Diese Argumentation klingt auf den ersten Blick plausibel. Im Folgenden soll kurz gezeigt werden, warum sie unhaltbar ist.
Auftritt Kant.
WeiterlesenFobizz hat ein neues KI-Tool entwickelt: Lyricus, den „motivierenden Lyrik-Lotsen“ in Gestalt eines alten weißen Mannes, der statt einer Lyra Stift und Papier in den Händen hält.
Mit ihm soll „Poesie zum Kinderspiel“ werden.

Doch Lyricus lädt Lernende vor allem zum Kinderspiel der Kompetenz-Simulation ein, wie das folgende Beispiel zeigt:
WeiterlesenDer folgende Text stellt den Versuch dar, Aspekte des Diskurses über die kybernetische Pädagogik auf die aktuelle Debatte um den Einsatz künstlicher Intelligenz zu beziehen und daraus Folgerungen für den Bildungsbereich abzuleiten. Er folgt dem Vorschlag von Kümmel/Scholz/Schumacher (2004, S. 7), nicht die technischen Entwicklungen in den Mittelpunkt zu stellen, sondern „die Diskurse zu untersuchen, die aus bloßen Ereignissen der Technik solche der Kultur machen“.
Vor mehr als einem halben Jahrhundert, am 16.06.1967, erschien in der ZEIT ein Artikel mit der Überschrift „Lernen im Zeitalter der Automation“, in dem es um den Einsatz von elektronischen Lehrmaschinen im Bildungsbereich geht.

Würde man den Text an die neuen Rechtschreibregeln anpassen, ließe er sich – zumindest in Auszügen – durchaus in einer aktuellen Ausgabe der ZEIT platzieren. Denn in dem Artikel ist u.a. die Rede von:
Der Autor dieses erstaunlich modern klingenden Textes war Helmar Frank, einer der Hauptvertreter der kybernetischen Pädagogik, der sein Fachgebiet als „die Gesamtheit der Fragestellungen, […] die sowohl in den Bereich der Kybernetik als auch in den Bereich der Pädagogik fallen,“ definiert (vgl. Frank 1966, S. 5).
WeiterlesenSprechakte wie das Behaupten, Fragen, Auffordern etc. gelingen nur, wenn bestimmte konstitutive Regeln eingehalten werden (vgl. Searle: Speech Acts, Kap. 3). Zu den konstitutiven Regeln einer Frage, die Person Q einer Person A stellt, gehört z.B., dass
Im Bildungsbereich werden viele Fragen gestellt, die Bedingung (1) nicht erfüllen. Denn Lehrende wissen oft die Antworten auf ihre eigenen Fragen. Searle (1969, S. 67) differenziert daher zwischen zwischen „real questions“, die den Bedingungen (1) und (2) genügen, und „exam questions“, die nur Kriterium (2) erfüllen, weil geprüft werden soll, ob A die Antwort weiß.
Auf Social-Media-Plattformen haben sich interessanterweise neue Fragen herausgebildet, die sehr häufig am Ende eines Postings oder – wie im folgenden typischen Beispiel – neben einem Reel zu finden sind:
Fragen dieses Typs haben vor allem den Zweck, die User:innen auf der Plattform zu Interaktionen zu animieren. Sie sind (implizite) Aufforderungen, die oft auch durch explizite Aufforderungen („Schreibt es in die Kommentare“) ergänzt werden:

Man könnte diese Fragen „algorithmisch“ nennen, weil sie darauf abzielen, die Algorithmen der jeweiligen Plattformen zu triggern. Je mehr Kommentare, je mehr Interaktionen, desto wahrscheinlicher wird es, dass das Posting an Reichweite und Aufmerksamkeit gewinnt.
WeiterlesenRita: Do you ever have déjà vu?
Phil: Didn’t you just ask me that?
– Zitat aus Groundhog Day (1993)
Im Jahre 1994 formulierte eine Initiativgruppe erfahrener Persönlichkeiten aus allen Bereichen des Bildungswesens das „Berliner Memorandum”.
Damit sollte den Entscheidungsträger:innen in Bildungspolitik, Bildungsverwaltung und Bildungspraxis deutlich gemacht werden, wie wichtig es sei, auf die rasanten Entwicklungen im Bereich der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien zu reagieren.
Ich habe ein Experiment gemacht:
Dort, wo im „Berliner Memorandum“ von 1994 Ausdrücke wie „neue Informations- und Kommunikationstechnologien“ oder „vernetzte Computersysteme“ vorkommen, habe ich sie durch „Künstliche Intelligenz“, „KI-Systeme“ oder schlicht „KI“ ersetzt.
Das auf diese Weise entstandene „Berliner Memorandum (2024 Edition)“ zeigt, dass die Debatte um KI heute inhaltlich, strukturell und argumentativ exakt so verläuft wie der Diskurs über die „neuen Medien“ der 1990er.
WeiterlesenDer Bayerische Philologenverband (bpv) wendet sich in einer als „Faktencheck und Kommentar“ betitelten Stellungnahme gegen eine Petition zur Abschaffung unangekündigter Leistungsnachweise in Bayern.
Ein „Argument“ für die Beibehaltung unangekündigter Tests lautet:
Im Berufsleben sind wir […] immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen auch unangekündigt Leistung erbracht werden muss. Aufgabe der Schule ist es, auch hierauf vorzubereiten. Wir halten deshalb unangekündigte Leistungsnachweise für ein pädagogisches Instrument, das auch heute noch sinnvoll eingesetzt werden kann. (Quelle)
Doch in Wahrheit ist es natürlich Unsinn, wenn man annimmt, dass der erfahrene Ingenieur, der gerade beim Bau eines Atomkraftwerks „unangekündigt“ seine Leistung abrufen muss, dankbar an die unangekündigten Vokabeltests zurückdenkt, die ihn punktgenau auf diese Herausforderung vorbereitet haben.
Um traditionelle Daumenschrauben schwarzer Pädagogik (vgl. Rutschky 1977) zu erhalten, werden wohlfeile Scheinargumente präsentiert.
Unangekündigte Tests sind vor allem Machtinstrumente, die Angst und Stress erzeugen und das Lernen be- und verhindern. Sie sind schon aus moralischen Gründen abzulehnen.
Schülerinnen und Schüler können sie nur auf eine Weise sinnvoll instrumentalisieren: als Charaktertest ihrer Lehrerinnen und Lehrer.
Literatur:
Rutschky, Katharina (Hrsg.) (1977): Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. Ullstein.

In seinem Klassiker „The Language of New Media“ (2001) hat Lev Manovich grundlegende Fehlannahmen über die Charakteristika digitaler Medien dekonstruiert. Dazu zählt der Mythos der Interaktivität, der sich folgendermaßen formulieren lässt:
„New media is interactive. In contrast to old media where the order of presentation is fixed, the user can now interact with a media object.“ (Manovich 2001, S. 55)
Manovich hält die Rede von der Interaktivität digitaler Medien für tautologisch. Denn Interaktivität meint bezogen auf den modernen Computer, dass eine Nutzerin z.B. über eine Tastatur bestimmte Rechenprozesse in Echtzeit manipulieren kann, während früher auf älteren Computern lediglich Programme abliefen, in die man nicht eingreifen konnte. Interaktivität ist in diesem Sinne ein Wesensmerkmal des modernen, mit einem „Human-Computer-Interface“ (HCI) ausgestatteten Computers: „Therefore, to call computer media ‘interactive‘ is meaningless – it simply means stating the most basic fact about computers.“ (Manovich 2001, S. 55)
WeiterlesenAus der griechischen Mythologie stammt die Sage von Prokrustes, der Reisenden einen Schlafplatz anbietet, ihnen dann jedoch die Gliedmaßen abhackt oder streckt, wenn sie nicht nahtlos in sein Bett passen. Anstatt die Schlafstätte an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen, werden die Menschen für das Bett des Prokrustes gewaltsam zugerichtet.
Der Einsatz von KI-Technologie im Bildungsbereich erweist sich vor diesem Hintergrund häufig als Prokrustesbett: Anstatt die KI an das Lernen anzupassen, wird das Lernen für die KI passend gemacht. Der Unterricht orientiert sich an den Affordanzen der KI, nicht an fachlichen Kompetenzen oder den Bedürfnissen der Lernenden – schließlich kann man jetzt in wenigen Sekunden aus einem YouTube-Video-Skript ein Kahoot generieren oder Lückentexte zu beliebigen Themen erstellen.
Insbesondere dann, wenn mit KI-Technologie die Hoffnung verbunden wird, die Zeit des „One-size-fits-all“ zu beenden und quasi auf Knopfdruck „maßgeschneiderte“ Lernpfade für jede(n) Lernende(n) zu generieren, sollte man sich der Gefahr bewusst sein, dass der Schneider, der hier Maß nimmt, Prokrustes heißen könnte.
