Dagobert Duck, Michael Giesecke und die Mythen der Buchkultur

Im Lustigen Taschenbuch Nr. 518 („Das schlaue Buch in Gefahr“) gibt es eine Geschichte mit dem Titel „Duell der Alleswisser“. Darin bitten Tick, Trick und Track ihren Onkel Dagobert um Geld für eine Bibliothek, die aus der Sicht der Kinder „ein Ort der Unterhaltung und der Bildung“ ist. Doch Dagobert hat ganz andere Sorgen: Seiner Fernseh-Quizshow laufen die Zuschauer weg. Der Grund dafür ist, dass die Kandidaten so ungebildet sind, dass sie die einfachsten Fragen („Lautet die Hauptstadt von Frankreich Paris oder Arizona?“) nicht beantworten können.

Auf der Suche nach hinreichend schlau wirkenden Teilnehmern sagt zunächst der Familien-Intellektuelle, Primus von Quack, ab. Er ist lebenslang für Quizshows gesperrt. Donald, der als Notnagel einspringen soll, versagt kläglich beim Auswendiglernen von Daten und Fakten, hat aber eine plausible Erklärung für sein schwaches Gedächtnis: „Laut aktuellen Studien ist das Fernsehen daran schuld.“ Durch Zufall wird dann doch der perfekte Quizshow-Teilnehmer gefunden. Es ist Baptist, der Diener, der auf alle Fragen eine Antwort weiß, weil er beim sorgfältigen Abstauben der Bücher in der Duck’schen Bibliothek Seite um Seite liest und so sein Hirn befüllt.

In der Quizshow stellt Klaas Klever überraschend seinen Sekretär Anwantzer als Gegenkandidaten vor. Er soll sich mit Baptist um das von Dagobert ausgelobte Preisgeld von 100.000 Talern duellieren. Anwantzer, der laut Klever eigentlich „keine Leuchte“ ist, wird durch moderne Computertechnik für die Sendung fit gemacht: Mithilfe eines Superhirn-Helms lässt er sich vor der Show Antworten auf alle möglichen Fragen direkt ins Gedächtnis trichtern – was Dagobert für eine unerlaubte Methode hält. Der Moderator Samuel Schotte macht zu Beginn der Sendung den Clash of Cultures deutlich, der sich anbahnt:

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Abb. 1: Technik vs. Tradition

Anwantzer und Baptist schlagen sich wacker. Stundenlang geben sie auf alle Fragen die korrekten Antworten, irgendwann lesen sie sogar Fragen, die der Quizmaster noch gar nicht gestellt hat, an seinem Gesichtsausdruck ab („Ich sah es an Ihrer linken Augenbraue“). Die Entscheidung bringt schließlich die „Frage aller Fragen“ nach der Adresse eines Secondhand-Ladens, dessen Koordinaten zufällig ausgewürfelt wurden. Anwantzer muss passen. Sein Superhirn-Helm versagt. Baptist hingegen hat die Adresse – zu seiner eigenen Verwunderung – im Kopf und gewinnt das Preisgeld.

Das Fazit lautet: „Der alte Buchdruck hat gegen die moderne Technik gesiegt.“

Künstliche Technik, natürliches Buch

An dieser Story ist vieles bemerkenswert. Da sind zunächst Tick, Trick und Track, die sich als Vertreter der Jugend ausgerechnet für den Bau einer Bibliothek engagieren. Da ist die Quizshow, die neben der Schule die einzige Institution ist, die das Auswendiglernen von Daten und Fakten prämiert, ohne dass die Lernenden damit etwas persönlich Bedeutsames verbinden. Entsprechend zeichnet sich die „Frage aller Fragen“ vor allem dadurch aus, vollkommen zufällig und sinnlos zu sein. Das korrespondiert mit Baptists Methode, einfach alles zu lernen, was in den Büchern steht, die er – bei Kerzenschein – abstauben muss. Kurz: Hier wird ein geschlossenes System von Absurditäten beschrieben.

Bemerkenswert ist aber auch die Gegenüberstellung von Technik und Buchdruck: Auf der einen Seite steht der elektronische Superhirn-Helm, mit dem allenfalls künstlich – vielleicht sogar regelwidrig! – gelernt werden kann. Auf der anderen Seite steht das traditionelle Buch, mit dem sich Baptist als Leser sein Wissen gleichsam natürlich aneignet.

Und hier kommt Michael Giesecke ins Spiel, der von der „Mystifikation der synthetischen Buchwelt“ (2002, S. 240) spricht. Giesecke wendet sich in seiner Argumentation gegen einen naiven Dualismus, der zunächst zwischen einer natürlichen und einer künstlich-elektronisch erzeugten Wirklichkeit unterscheidet und dann normativ urteilt: Das Natürliche gilt als wertvoll, das Künstliche als defizitär. Giesecke entlarvt diese Thesen als Resultat einer bibliophilen Verklärung:

Dass diese neuen Informationssysteme als so fremd und andersartig erlebt werden, liegt vor allem daran, dass man den Grad der Künstlichkeit der bisherigen Informations- und Kommunikationssysteme so erfolgreich verdrängt hat. Und hierbei leisten wiederum die Verklärungen der Buchkultur ihren Beitrag. Ja, es gehört zu den erstaunlichsten Leistungen der modernen Bibliophilen, dass sie es am Ende des typographischen Zeitalters geschafft haben, die Künstlichkeit des Buchwissens nahezu gänzlich in Vergessenheit geraten zu lassen! Wieso aber sollte die typographische Information weniger künstlich sein als die elektronische?

(Giesecke 2002, S. 214)

Vor diesem kulturhistorischen Hintergrund wird deutlich, dass der Comic auf dem von Giesecke kritisierten Dualismus aufbaut. Denn das (vermeintlich) künstliche Computer-Wissen wird dem (nur scheinbar) natürlichen Bücher-Wissen gegenüberstellt und es werden bibliophile Wertungen vorgenommen: Der Sympathieträger und finale Gewinner ist Buch-Baptist, der das Preisgeld –natürlich – für den Bau der von Tick, Trick und Track ersehnten Bibliothek spendet, während Elektro-Anwantzer wütend seinen Helm wegschmeißt. Der technische Charakter des Buches und die Künstlichkeit des Buchwissens werden in dem Comic auf typische Weise verklärt.

Man könnte noch weitere Mythen der Buchkultur (z.B. die Mystifikation des Gedächtnisses) anhand dieser kleinen Geschichte erläutern. Fürs Erste genügt aber folgender Transfer:

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Literatur:

Giesecke, Michael (2002): Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp (=stw 1543).

Bildquelle:

Abb 1.: LTB 518: Duell der Alleswisser. Story: Giorgio Salati. Zeichnungen: Luca Usai. Berlin: Ehapa 2019, S. 57-82. Hier S. 71. © Disney.

 

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