Algorithmische Fragen. Eine erste Annäherung

Sprechakte wie das Behaupten, Fragen, Auffordern etc. gelingen nur, wenn bestimmte konstitutive Regeln eingehalten werden (vgl. Searle: Speech Acts, Kap. 3). Zu den konstitutiven Regeln einer Frage, die Person Q einer Person A stellt, gehört z.B., dass

  1. Q die Antwort nicht kennt („Preparatory Rule“) 
  2. Q die Antwort tatsächlich von A wissen will („Sincerity Rule“). 

Im Bildungsbereich werden viele Fragen gestellt, die Bedingung (1) nicht erfüllen. Denn Lehrende wissen oft die Antworten auf ihre eigenen Fragen. Searle (1969, S. 67) differenziert daher zwischen zwischen „real questions“, die den Bedingungen (1) und (2) genügen, und „exam questions“, die nur Kriterium (2) erfüllen, weil geprüft werden soll, ob A die Antwort weiß.

Auf Social-Media-Plattformen haben sich interessanterweise neue Fragen herausgebildet, die sehr häufig am Ende eines Postings oder – wie im folgenden typischen Beispiel – neben einem Reel zu finden sind: 

Fragen dieses Typs haben vor allem den Zweck, die User:innen auf der Plattform zu Interaktionen zu animieren. Sie sind (implizite) Aufforderungen, die oft auch durch  explizite Aufforderungen („Schreibt es in die Kommentare“) ergänzt werden:

Man könnte diese Fragen „algorithmisch“ nennen, weil sie darauf abzielen, die Algorithmen der jeweiligen Plattformen zu triggern. Je mehr Kommentare, je mehr Interaktionen, desto wahrscheinlicher wird es, dass das Posting an Reichweite und Aufmerksamkeit gewinnt. 

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KI als neues neues Medium. Eine kleine Anmerkung zum aktuellen Diskurs über Künstliche Intelligenz. 

Rita: Do you ever have déjà vu?
Phil: Didn’t you just ask me that?
– Zitat aus Groundhog Day (1993)

Im Jahre 1994 formulierte eine Initiativgruppe erfahrener Persönlichkeiten aus allen Bereichen des Bildungswesens das „Berliner Memorandum”.

Damit sollte den Entscheidungsträger:innen in Bildungspolitik, Bildungsverwaltung und Bildungspraxis deutlich gemacht werden, wie wichtig es sei, auf die rasanten Entwicklungen im Bereich der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien zu reagieren.

Ich habe ein Experiment gemacht:

Dort, wo im „Berliner Memorandum“ von 1994 Ausdrücke wie „neue Informations- und Kommunikationstechnologien“ oder „vernetzte Computersysteme“ vorkommen, habe ich sie durch „Künstliche Intelligenz“, „KI-Systeme“ oder schlicht „KI“ ersetzt.

Das auf diese Weise entstandene „Berliner Memorandum (2024 Edition)“ zeigt, dass die Debatte um KI heute inhaltlich, strukturell und argumentativ exakt so verläuft wie der Diskurs über die „neuen Medien“ der 1990er.

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