Anzeichen der Krise (I): Das gute alte Postfach statt digitaler Medien

In der krisenhaften Übergangszeit zwischen dem Gutenberg-Paradigma und dem Turing-Paradigma driften die Buch-Schule und die Welt der Digitalität immer weiter auseinander.

Neben offensichtlichen Abwehrmaßnahmen wider das Neue (z.B. Smartphones) lassen sich deutliche Anzeichen der Krise auch an internen Widersprüchen ablesen, die manchmal etwas schwieriger zu entdecken sind. Das soll anhand des folgenden Beispiels gezeigt werden:

Der Örtliche Personalrat beim Staatlichen Schulamt Karlsruhe veröffentlichte 2017 ein Informationspapier, in dem unter der Überschrift

Überschrift-Personalrat

u.a. der Umgang mit Informations- und Kommunikationsplattformen (z.B. Moodle, Schulnetze, Clouds) an Schulen thematisiert wird. Dort heißt es:

Für Beschäftigte besteht keine Pflicht zum Einsatz und zur Nutzung einer Informations- und Kommunikationsplattform. Sofern eine Informations- und Kommunikationsplattform nicht von Ihnen genutzt wird, dürfen für die betroffenen Beschäftigten keine Nachteile entstehen.

Das ist sprachlich interessant und inhaltlich paradox.

Denn auf der einen Seite suggeriert die Formulierung „die betroffenen Beschäftigten“, dass hier jemand passiv einen Schaden erleidet, obwohl es in Wahrheit die jeweiligen Lehrer(innen) selbst sind, die sich aktiv gegen die Nutzung digitaler Medien entscheiden.

Daraus ergibt sich dann eine inhaltliche Paradoxie:

  1. Die Nutzung von Informations- und Kommunikationsplattformen bietet de facto zahlreiche Vorteile: von der kollegialen Vernetzung über den zeit-und ortsunabhängigen Austausch mit Schüler(inne)n bis hin zur einfachen Bereitstellung von Unterrichtsmaterial.
  2. Person A handelt sich zwangsläufig Nachteile ein, wenn sie auf diese Optionen verzichtet.
  3. Der Personalrat fordert jedoch: Person A darf sich keine Nachteile einhandeln, wenn sie auf diese Optionen verzichtet.

Eine wahrhaft aporetische Situation, für die der Personalrat jedoch blind bleibt, weil er die Vorteile digitaler Medien ausblendet und die Lösung auf einer anderen Ebene sucht: Im Zweifel müsse ein Schulleiter lediglich zur „Kommunikation in Papierform“ und zum „guten alten Postfach“ zurückkehren, damit die digitale Verweigerungshaltung keine Nachteile bringe, heißt es in dem Papier.

Wie weit die Schere zwischen Betroffenheit und Offenheit hinsichtlich der Kultur der Digitalität inzwischen geöffnet ist, mag stellvertretend ein Twitter-Beispiel zeigen.

Für diejenigen, die Twitter nicht selbst nutzen und soziale Netzwerke vor allem aus Fernseh- und Zeitungsberichten kennen, wird es auf mehreren Ebenen (terminologisch, strukturell und inhaltlich) nahezu unverständlich sein. Für diejenigen, die Twitter ganz selbstverständlich zur kollegialen Vernetzung verwenden, ist es medialer #followerpower-Alltag:

Maurer-Wartenberg-Twitter

(https://twitter.com/MaurerStef/status/975020630054752257)

Wenn digitale Medien (auch dienstlich) in dieser Weise ganz selbstverständlich genutzt werden, untergräbt das langsam (aber stetig) die Verweigerungstendenzen, die in Krisenzeiten für das Paradigma der Buch-Schule kennzeichnend sind.

Wenn dann irgendwann diejenigen, die digitale Medien dienstlich nutzen wollen, aber (z.B. aus technischen Gründen) nicht können, als die wahrhaft Benachteiligten gelten, wird langsam Normalität einkehren.

–> Anzeichen der Krise (II)


P.S.:  Stefanie Maurer und Philipp Wartenberg danke ich herzlich dafür, dass ich die Tweets in diesem Kontext verwenden darf.

4 Gedanken zu “Anzeichen der Krise (I): Das gute alte Postfach statt digitaler Medien

  1. Hi,
    ich bin mal sehr gespannt, was Morgen passiert ;). Ich arbeite in der Mediothek Krefeld, das ist die öffentliche Stadtbibliothek in Krefeld, und wir richten Morgen einen Fachtag für alle Krefelder Schulen aus. Dort wird es um den Einsatz von Tablets gehen, um Bipacour und auch um den Einsatz vom Gaming. Wir haben zumindest mal ein volles Teilnehmerfeld, mal sehen, wie sich das so entwickelt.
    LG aus Krefeld
    Martin

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  2. Pingback: Lehrer, Digitalisierung und Personalrat | mstammeier.de

  3. Pingback: Anzeichen der Krise (II): Datenschutz statt Dienst | Bildung unter Bedingungen der Digitalität

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