Die Banalisierung der Interaktivität

In seinem Klassiker „The Language of New Media“ (2001) hat Lev Manovich grundlegende Fehlannahmen über die Charakteristika digitaler Medien dekonstruiert. Dazu zählt der Mythos der Interaktivität, der sich folgendermaßen formulieren lässt:

„New media is interactive. In contrast to old media where the order of presentation is fixed, the user can now interact with a media object.“ (Manovich 2001, S. 55)

Manovich hält die Rede von der Interaktivität digitaler Medien für tautologisch. Denn Interaktivität meint bezogen auf den modernen Computer, dass eine Nutzerin z.B. über eine Tastatur bestimmte Rechenprozesse in Echtzeit manipulieren kann, während früher auf älteren Computern lediglich Programme abliefen, in die man nicht eingreifen konnte. Interaktivität ist in diesem Sinne ein Wesensmerkmal des modernen, mit einem „Human-Computer-Interface“ (HCI) ausgestatteten Computers: „Therefore, to call computer media ‘interactive‘ is meaningless – it simply means stating the most basic fact about computers.“ (Manovich 2001, S. 55)

Vor diesem Hintergrund lässt sich die These vertreten, dass es neben dem tautologischen Charakter technischer Interaktivität auch den banalen Charakter pädagogischer Interaktivität gibt. Das lässt sich insbesondere an technikgestützen Lernangeboten zeigen, die „seit circa 50 Jahren mit dem Hinweis beworben [werden], dass sie interaktiv seien, über Interaktivität verfügten.“ (Niegemann/Heidig 2020, S. 344. Hervorhebung im Original) 

Interaktivität ist nicht nur ein kommerziell verwertbares Gütesiegel, sondern offensichtlich auch ein pädagogisches Qualitätsmerkmal. Wenn Lernumgebungen evaluiert werden, ist der – wie auch immer quantifizierte – Grad der Interaktivität ein entscheidendes Kriterium. Denn schließlich soll sich das digitale Lernangebot vom starren Text auf einer Buchseite signifikant unterscheiden.

Angesichts der pädagogischen Bedeutung, die der Interaktivität zugesprochen wird, wirkt es ernüchternd und befremdlich, dass digitale Lernumgebungen seit mehr als einem Vierteljahrhundert durch behavioristisch grundierte Formate geprägt werden, die nach dem Schema „Reiz-Reaktion-Rückmeldung“ funktionieren. „Interaktivität“ bedeutet hier typischerweise das Füllen einer Lücke, die Zuordnung eines Begriffes, das Ankreuzen einer Antwort, das Finden eines Wortes und das abschließende Klicken auf den Button „Überprüfen“. Selbst neuere Formate wie das „interaktive Video“ vermögen nicht zu überzeugen, wenn die Interaktion lediglich darin besteht, von Zeit zu Zeit simple Quizfragen beantworten zu müssen, bevor man weiterschauen darf. 

Anfang des Jahrtausends bastelte man mit „Hot Potatoes“ seine Lückentexte, heute gibt es dafür einen H5P-Content-Type. Offenbar ist es nicht gelungen, zeitgemäße Formen pädagogischer Interaktivität zu entwickeln und in der Breite zu etablieren. Technisch ist Interaktivität tautologisch, pädagogisch wird sie zur Banalität.

Ewig grüßt das Interaktivitäts-Murmeltier.(Bild: Dall-E)

Literatur:

Manovich, Lev (2001): The Language of New Media. Cambridge, Massachusetts, London: MIT Press.

Niegemann, Helmut / Heidig, Steffi (2020): Interaktivität und Adaptivität in multimedialen Lernumgebungen. In: Niegemann, Helmut / Weinberger, Armin (Hrsg.): Handbuch Bildungstechnologie. Konzeption und Einsatz digitaler Lernumgebungen. Berlin: Springer. S. 343-367.

5 Gedanken zu “Die Banalisierung der Interaktivität

    • Doch, klar. Ist ja z.B. eine Kernthese der Rezeptionsästhetik, dass der Sinn eines Textes erst in Interaktion zwischen Text und Leser(in) entsteht. Manovich nutzt diese Schiene auch für die Dekonstruktion des Interaktivitäts-Mythos.

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