Prüfungssituationen in den Zeiten des Internets

Oder: Warum die Forderung nach neuen Aufgabenformaten viel zu kurz greift.

Wenn man die Diskussionen der letzten Zeit verfolgt, scheint folgende These inzwischen opinio communis zu sein:

Die Aufgabenformate an den Schulen und Unis müssen verändert werden, weil Schüler(innen) und Studierende inzwischen vieles von dem, was sie wissen oder eigenständig erarbeiten sollten, einfach googeln (können).

So könne man z.B. nicht mehr den Auftrag geben, einen Text zusammenzufassen, weil Schüler(innen) dann einfach die Zusammenfassung aus dem Netz per Copy&Paste übernehmen.

Die große didaktische Herausforderung besteht vor diesem Hintergrund darin, möglichst viele googleresistente Aufgabenformate zu entwickeln. Statt eine Zusammenfassung zu schreiben, sollten Schüler(innen) beispielsweise zwei Zusammenfassungen googeln und dann differenziert begründen, welche die bessere ist.

Doch auch dann, wenn dieser Ansatz die gute Konsequenz haben könnte, dass stupide Reproduktionsaufgaben durch Formate ersetzt werden, die das selbstständige Denken erfordern, ist er im Kern falsch.

Er ist falsch, weil er davon ausgeht, dass man voraussetzen und hinnehmen muss, dass Schüler(innen) während einer Prüfung mogeln.

Der Prüfer begegnet seinen Schüler(inne)n nicht mit einem Vertrauensvorschuss, sondern stellt sie vielmehr alle vorab unter einen Anfangsverdacht. Dadurch entsteht ein Klima, in dem selbst diejenigen, die eigentlich ehrlich gewesen wären, nach Möglichkeiten suchen, das System, das sie in dieser Weise behandelt, auszutricksen. Wenn sich die Schule einerseits auf die Fahnen schreibt, selbstständiges Handeln in sozialer Verantwortung zu fördern, dann jedoch in jeder Prüfungssituation alle Prüflinge wie potenzielle Betrüger behandelt, nimmt es nicht wunder, dass sich die Schüler(innen) entsprechend verhalten.

Anstatt Aufgabenformate zu verändern, sollte daher eine Ebene höher angesetzt werden: Es gilt, den Schüler(inne)n zu vermitteln, dass man ihnen vertraut und ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass sie ehrlich sind. 

Diese Einstellungs-Kehrtwende hat folgende Konsequenzen:

Ein Schüler, der mogelt, erweist sich des ihm entgegen gebrachten Vertrauens als nicht würdig, während das Mogeln bislang nur die Bestätigung einer negativen Erwartungshaltung des Prüfers darstellt. 

Mogeln kann unter den neuen Bedingungen nicht länger als „Austricksen“ eines perfiden Systems gewertet werden und derjenige, der mogelt, ist nicht mehr länger ein „Schlitzohr“, sondern nun der wahre Betrüger.

Kurz: Wir brauchen nicht nur neue Aufgabenformate, sondern auch Prüfer, Prüfungen und Prüflinge neuen Formats.

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