Über Eindrücke von Tabletklassen

 

Heute spülte mir Twitter einen sehr interessanten Text in die Timeline. Er hebt an mit einem Tweet:

„Glaube, ich will keine »TabletKlasse«, sondern guten Unterricht machen, in dem ich das jeweils didaktisch best (sic!) geeignete Medium nutzen kann.“

Der hier konstruierte Gegensatz („Ich will nicht x, sondern y) ist irritierend: Warum sollte man in Tablet-Klassen keinen guten Unterricht machen können? Warum sollte man nicht das jeweils didaktisch am besten geeignete Medium wählen können? Welches Bild von der Arbeit in Tablet-Klassen liegt dem Text zugrunde?

Immerhin ist der Autor ehrlich: Er gesteht, dass er nicht genau weiß, wie es in Tablet-Klassen zugeht. Er habe bislang lediglich „Eindrücke“ gewonnen. Bedauerlicherweise entsprechen diese Eindrücke bestenfalls einem Zerrbild dessen, was in Tablet-Klassen geschieht. Und dieses Zerrbild wird dann als kommode Zielscheibe für die Kritik in den Blick genommen. Um es an einem typischen Beispiel zu illustrieren:

„»Tabletklassen« vermitteln den Eindruck, dass eine Technologie, die zum Lernen genutzt werden kann, im Zentrum steht.“ (Fettdruck von mir)

Nein: Vielleicht vermittelt das Wort „Tabletklasse“ tatsächlich den Eindruck, dass eine Technologie im Vordergrund steht. Das wäre dann ein begriffliches Problem. Aus dem Begriff „Tabletklasse“ darauf zu schließen, dass de facto die Technologie im Vordergrund steht, ist – euphemistisch gesagt – gewagt. Tablet-Klassen, in denen Technik dominiert, sind lediglich schlechte Beispiele für ein prinzipiell gutes Konzept. Wer das Konzept kritisieren will, sollte sich nicht nur auf schlechte Beispiele beschränken.

Der Autor hat jedoch noch weitere Eindrücke im Imaginations-Köcher:

„Es entsteht der Eindruck, dass die Chance der Digitalisierung, nämlich ein didaktisch interessantes Medium mehr zu haben, welches im Reigen dessen, was dem Lernen dient, eingesetzt werden kann, vertan wird.“ (Erster Fettdruck von mir)

Nein: In Tablet-Klassen hat man (mindestens) ein didaktisch interessantes Medium mehr. Man kann es zum Lernen nutzen. Das funktioniert nur dann nicht, wenn man sich von falschen Eindrücken in die Irre leiten lässt. So werden laufend Gegensätze wie der folgende konstruiert, die es gar nicht gibt:

„Ich will keine »Tabletklasse«, sondern die Möglichkeit, bei meiner Arbeit ein möglichst breites Spektrum didaktischer Möglichkeiten nutzen zu können.“ (Fettdruck von mir)

Interessant ist in diesem Kontext auch die folgende Aussage:

„Vermutlich ist […] der faktische Unterricht in den »Tabletklassen« bei weitem nicht so heroisch, wie man bei manchem Bericht den Eindruck bekommt.“ (Fettdruck von mir)

Hier gilt beispielsweise: Ein Lehrer, der seinen Laptop oder sein iPad immer noch per Kabel und Adapter an einen Beamer anschließt, wird sicherlich beeindruckt sein von der Möglichkeit, in einer Tablet-Klasse drahtlos Inhalte von jedem Gerät auf die Projektionsfläche zu übertragen. „Heroisch“ wirkt diese Demokratisierung des Beamers jedoch nur für den Außenstehenden. Innerhalb der Tablet-Klasse ist sie selbstverständlicher Teil einer nahezu unsichtbaren Technik. Wer digitale Medien vor allem als Werkzeuge sieht, die dem Lernen dienen, bleibt blind für die prägende Form des Mediums im Hinblick auf fast alle Bedingungen und Koordinaten des realen Unterrichts.

Glaubt man dem Text, dann muss man sich in den ach! so technikzentrierten Tablet-Klassen sogar dafür rechtfertigen, wenn man ausnahmsweise einmal nicht das Tablet, sondern Stift und Papier nutzen will. Gegen diese Tablet-Klassen-Windmühlen reitet der Autor dann mutig an, so dass vor der Drohkulisse seiner Eindrücke selbst Trivialitäten wie didaktischer Balsam wirken:

„Dort, wo digitales Lernen einen Mehrwert hat, möchte ich diesen generieren können, ohne mir groß Gedanken um verfügbare Technik machen zu müssen“.

Man möchte dem Autor zurufen: Alles das, was du forderst, kannst Du in einer Tablet-Klasse umsetzen – sehr viel leichter als in einer Nicht-Tablet-Klasse. Wettere nicht wider subjektive Eindrücke, sondern setze dich mit der Unterrichtswirklichkeit auseinander!

Dieser Appell wird jedoch wohl ungehört verhallen. Denn gleich zu Beginn des Textes wird deutlich, welche Vorstellungen vom sinnvollen Lernen mit digitalen Medien offensichtlich vorherrschen: Den technikzentrierten Tablet-Klassen, in denen guter Unterricht ja so schwierig wird, zieht der Autor allen Ernstes Tablet-Wagen (!) vor, „welche man gezielt mit in den Unterricht nimmt und dort didaktisch reflektiert im Kontext von Lernszenarien einsetzt, in denen deren didaktischer Mehrwert tatsächlich begründet ist.“

Das ist natürlich die bessere Alternative: Der Lehrer bucht ganz unkompliziert Wochen vorher den Wagen, der Lehrer schafft den didaktisch reflektierten Kontext, der Lehrer verteilt die Tablets, von denen auch ein Großteil aufgeladen ist und andere tatsächlich funktionieren, und die Schüler wischen sich durch unbekannte Benutzeroberflächen fremder Geräte. Da ist der didaktische Mehrwert im Vergleich zu einem BYOD-Szenario innerhalb einer Tablet-Klasse förmlich mit Händen zu greifen.

Für diejenigen, die immer noch nicht vom Unsinn der Tablet-Klassen überzeugt sind, hält der Text das in eine theoretische Nebelbombe eingehüllte Sozialargument bereit, das in keiner Diskussion über Tablet-Klassen fehlen darf:

„»Tabletklassen« als einzelne Klassen an einer Schule sind eine Engführung, sie reduzieren die Komplexität dessen, was Lernen ausmacht, weil sie exklusiv sind. Exklusivität aber ist immer eine Reduktion von Partizipationsmöglichkeiten.“

Dummerweise kann man mit diesem Argument jede Form der in der Schule notwendigen Differenzierung als Form der Exklusivität diffamieren: Ich will keine Bläserklassen als einzelne Klassen an einer Schule! Ich will keine bilingualen Klassen als einzelne Klassen an einer Schule! Das sind alles Formen der Exklusivität, die Partizipationsmöglichkeiten reduzieren!

In Wahrheit ist natürlich das Gegenteil der Fall: Jede einzelne Tablet-Bläser-BiLi-Or-What-Have-You-Klasse erhöht die Wahlmöglichkeiten für Schüler(innen) signifikant und sinnvoll. Nicht jeder spielt ein Instrument, nicht jeder ist sprachlich begabt, nicht jeder lernt am besten in einer Tablet-Klasse.

tl;dr: Zerrbild von Tablet-Klassen dient als kommode Folie zur Entfaltung bestenfalls selbstverständlicher Thesen zum Lernen unter Bedingungen der Digitalisierung.

 

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