Welchen Mehrwert haben digitale Medien für das schulische Lernen?

Antwort auf Christian Ebels Frage nach dem Mehrwert digitaler Medien (vgl. auch: Zusammenfassung aller Antworten).

tl;dr

Der Mehrwert des Flugzeugs besteht nicht darin,
schneller zum Bäcker zu kommen.
Der Mehrwert digitaler Medien besteht nicht darin,
alte Ziele schneller zu erreichen.


Engelbert Thaler, ein Englisch-Didaktiker aus Augsburg, bringt in einem Interview eine sehr weit verbreitete Vorstellung davon zum Ausdruck, was (digitale) Medien sind und welche Funktion sie für den Unterricht haben:

Entscheidend bei den Medien ist, dass man sich an die Bedeutung des Wortes erinnert: Die haben halt eine dienende Funktion, also „Go for goals!“. Die erste Frage muss nach den Unterrichtszielen sein, die zweite Frage kann erst nach den Mitteln und Wegen dorthin sein.

Quelle: https://www.youtube.com/watch?t=400&v=8LcdKfDVgYI#t=7m7s
(Nachzulesen auch unter: http://www.lehrer-online.de/1019038.php)

Nun ist die These, dass die Bedeutung (oder die Etymologie) des Wortes “Medium” in irgendeiner Weise auf dessen dienende Funktion hinweise, zwar grundfalsch, aber höchst interessant: Denn wer Medien lediglich als Diener (oder alternativ als reine Werkzeuge) ansieht, deren Funktion darin besteht, hehre und zuvor festgelegte Lernziele zu erreichen, gründet seinen Unterricht auf ein theoretisch marodes Fundament, das vielleicht Buch und Tafel, nicht aber Smartphone und Tablet trägt.

Dabei scheint Thalers Denkmodell zunächst durchaus plausibel zu sein: Ist es nicht völlig klar, dass sich der Lehrer in einem ersten Schritt nach den Zielen umschauen muss, die er in seinem Unterricht erreichen will? Leuchtet es nicht völlig ein, dass er sich erst in einem zweiten Schritt überlegen kann, mit welchen Methoden und Medien diese Ziele am besten zu erreichen sind? Liegt es nicht nahe, dass man dann nicht nur das Buch, sondern auch ein Smartphone als Werkzeug nutzt, wenn es eine für das Lernen dienende Funktion besitzt? Und liegt der Mehrwert digitaler Medien vor diesem Hintergrund nicht schlicht darin, dass man mit den neuen Werkzeugen die festgelegten Ziele einfacher und/oder schneller erreichen kann? Der — letztlich an Klafki orientierte — Slogan „Didaktik geht vor Methodik!“ fasst dieses gängige Denkmuster prägnant zusammen.

Mit einer einfachen Analogie kann jedoch gezeigt werden, warum die These vom Primat der Didaktik gegenüber der Methodik bzw. der Medienwahl in die Irre führen kann, wenn es um den Einsatz digitaler Medien geht:

Gesetzt den Fall, man plane statt einer Unterrichtsstunde eine Reise. Auch hier hat es den Anschein, als könne man zunächst das Ziel festlegen und müsse erst in einem zweiten Schritt darüber nachdenken, mit welchem Transportmittel sich dieses Ziel am bequemsten und schnellsten erreichen lässt. Doch dieses vermeintliche Primat des Reiseziels gegenüber dem Transportmittel ist das Resultat einer stark eingeengten Perspektive. Denn welche Ziele realistischerweise in den Blick genommen werden, hängt in entscheidendem Maße von den verfügbaren Transportmitteln ab. Um es an einem Alltagsbeispiel zu erläutern: Wer in einer Gesellschaft lebt, in der die Postkutsche das schnellste Verkehrsmittel darstellt, kommt gar nicht auf die Idee, zum Einkaufen von Nürnberg nach München zu fahren, während dieses Reiseziel für einen Bahnfahrer mit dem ICE durchaus in Reichweite liegt.

Mit McLuhan, der die Eisenbahn bekanntlich als Medium betrachtet, ließe sich an dieser Stelle auf die grundlegenden Auswirkungen eines Mediums auf die gesamte Gesellschaft hinweisen, d. h. auf „die Veränderung des Maßstabs, Tempos oder Schemas, die es der Situation des Menschen bringt.“ (McLuhan 1997, S. 112-113) Übertragen auf den Unterricht mit digitalen Medien bedeutet das: Wer glaubt, man könne Unterrichtsziele gleichsam medienunabhängig festlegen, verkennt den entscheidenden Einfluss, den ein Medium auf den gesamten Unterricht besitzt, und ist dann möglicherweise blind für den eigentlichen didaktischen Mehrwert digitaler Medien.

Denn dieser Mehrwert besteht häufig gerade nicht (nur) darin, altbekannte Ziele schneller oder einfacher zu erreichen, sondern vielmehr darin, völlig neue Zieldimensionen erstmals zu eröffnen und das gesamte Koordinatensystem des Unterrichts buchstäblich verrückt  zu machen.

Dass diese Zusammenhänge so häufig übersehen werden, liegt u. a. daran, dass die Zieldimensionen der Lehrpläne notwendigerweise von „alten“ Medien geprägt sind und dass stets eine gewisse Zeit verstreichen muss, bevor neue technische Möglichkeiten sich auch curricular niederschlagen.

P.S.: Wohin es führt, wenn man sich aus den alten Unterrichts- und Denkmustern nicht löst, zeigt dieses Video: 

Literatur:

McLuhan, Herbert Marshall: Die magischen Kanäle. In: Baltes, Martin/Böhler, Fritz/ Höltschl, Rainer/ Reuß, Jürgen (Hrsg.): Medien verstehen. Der McLuhan-Reader. Mannheim: Bollmann 1997 (=Bollmann Kommunikation & Neue Medien). S.112-155.

Ergänzender Hinweis:

Ich habe die hier kurz skizzierten Überlegungen u.a. in folgendem Text weiter ausgeführt:

Axel Krommer: „Bring your own device!“ und die Demokratisierung des Beamers. Didaktische Dimensionen digitaler Technik. In: Knopf, Julia (Hrsg.): Medienvielfalt in der Deutschdidaktik. Erkenntnisse und Perspektiven für Theorie, Empirie und Praxis. Baltmannsweiler: Schneider Verlag 2015. S. 36-47.

 

2 Gedanken zu “Welchen Mehrwert haben digitale Medien für das schulische Lernen?

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