Die Trivialisierung der Pädagogik

Folgt man der Sprechakttheorie, gibt es für unterschiedliche Sprechakt-Typen (z.B. behaupten, versprechen, auffordern, grüßen) unterschiedliche konstitutive Regeln. Nur dann, wenn diese Regeln befolgt werden, gelingt der jeweilige Sprechakt (vgl. hierzu ausführlich: Searle, John: Sprechakte. 4. Auflage. Ffm.: Suhrkamp 1990, Kapitel 3).

Um es an einigen Beispielen zu verdeutlichen:

Zu den konstitutiven Regeln einer Aufforderung A gehört, dass sich A auf eine zukünftige Handlung H einer Person P bezieht: Wenn P aufgefordert wird, H in der Vergangenheit zu tun („Björn-Kevin, räume gestern dein Zimmer auf!“), misslingt der Sprechakt.

Zu den konstitutiven Regeln des Fragens gehört, dass ein Sprecher S die Antwort auf seine Frage F nicht kennt. Das bedeutet u.a., dass in der Schule der Sprachakt des Fragens selten gelingt, weil Lehrer(innen) in der Regeln schon wissen, wie auf F geantwortet werden muss.

Und zu den konstitutiven Regeln einer Behauptung p gehört, dass es sowohl für den Sprecher S als auch für den Hörer H nicht offensichtlich ist, dass H p weiß. Weniger technisch formuliert: Eine Behauptung ist nur dann eine Behauptung, wenn sie nicht sowohl für den Sprecher als auch für den Hörer ganz offensichtlich wahr ist.

Die Idee hinter dieser Regel ist einfach: Ein gehaltvoller Diskurs kommt nur zustande, wenn wir uns nicht dauernd Dinge erzählen, die wir bereits wissen und denen niemand widerspricht.

Bei jeder Aussage A, die auf den ersten Blick wie eine Behauptung aussieht, sollte man sich daher die einfache Frage stellen, ob es jemanden gibt, der A widerspricht. Oder alternativ: Ob es jemanden gibt, der der Negation von A zustimmt. Lautet die Antwort auf diese Fragen „Nein!“, dann ist A eine Trivialität, die sich nicht als Inhalt einer echten Behauptung eignet.

Gerade im Bildungsbereich sind solche Scheinbehauptungen Legion. Hier drei typische Beispiele:

(1) „Der Lehrer ist wichtiger als das Tablet

Scheinbehauptung 1

(2) „Mit Computern allein ist es nicht getan“ 

Scheinbehauptung 2

(3) „Analyse: Digitale Medien verbessern Unterricht nicht immer

Scheinbehauptung 3

Alle drei Aussagen bestehen den oben skizzierten Qualitätstest nicht, weil eine konstitutive Regel für den Sprechakt des Behauptens verletzt wird:

Denn es gibt ganz offensichtlich niemanden, der das Tablet für wichtiger hält als den Lehrer und/oder glaubt, dass man alleine mit Computern die Probleme in den Schulen lösen kann, und/oder die Auffasung teilt, dass digitale Medien den Unterricht immer verbessern. 

Psychologisch lässt sich die Wirkung solcher Scheinbehauptungen möglicherweise durch den Confirmation Bias erklären: Man neigt dazu, Artikel mit solchen Überschriften zu lesen, weil das eigene Weltbild, bzw. das, was man schon weiß, bestätigt wird. Neues lernt man auf diese Weise selten.

Die Inflation dieser Scheinbehauptungen führt allerdings zu einer Trivialisierung der Pädagogik, die in der medialen Öffentlichkeit nicht mehr als wissenschaftliche Disziplin wahrgenommen wird, die zur gesellschaftlichen Debatte über zeitgemäße Bildung etwas Gehaltvolles beizutragen hat.

Man bräuchte für diese Scheinbehauptungen ein neues Wort. Ich schlage  „pädagogische A-Hauptung“ statt „gehaltvolle Behauptung“ vor.


Ein Gedanke zu “Die Trivialisierung der Pädagogik

  1. Das Interessante (echte Behauptungen im Sinne der Sprechakttheorie) verbergen sich oft in den Argumentationen, mit denen die (Schein-)Behauptung begründet wird.

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