Algorithmische Fragen. Eine erste Annäherung

Sprechakte wie das Behaupten, Fragen, Auffordern etc. gelingen nur, wenn bestimmte konstitutive Regeln eingehalten werden (vgl. Searle: Speech Acts, Kap. 3). Zu den konstitutiven Regeln einer Frage, die Person Q einer Person A stellt, gehört z.B., dass

  1. Q die Antwort nicht kennt („Preparatory Rule“) 
  2. Q die Antwort tatsächlich von A wissen will („Sincerity Rule“). 

Im Bildungsbereich werden viele Fragen gestellt, die Bedingung (1) nicht erfüllen. Denn Lehrende wissen oft die Antworten auf ihre eigenen Fragen. Searle (1969, S. 67) differenziert daher zwischen zwischen „real questions“, die den Bedingungen (1) und (2) genügen, und „exam questions“, die nur Kriterium (2) erfüllen, weil geprüft werden soll, ob A die Antwort weiß.

Auf Social-Media-Plattformen haben sich interessanterweise neue Fragen herausgebildet, die sehr häufig am Ende eines Postings oder – wie im folgenden typischen Beispiel – neben einem Reel zu finden sind: 

Fragen dieses Typs haben vor allem den Zweck, die User:innen auf der Plattform zu Interaktionen zu animieren. Sie sind (implizite) Aufforderungen, die oft auch durch  explizite Aufforderungen („Schreibt es in die Kommentare“) ergänzt werden:

Man könnte diese Fragen „algorithmisch“ nennen, weil sie darauf abzielen, die Algorithmen der jeweiligen Plattformen zu triggern. Je mehr Kommentare, je mehr Interaktionen, desto wahrscheinlicher wird es, dass das Posting an Reichweite und Aufmerksamkeit gewinnt. 

Algorithmische Fragen genügen (in der Regel) der „Preparatory Rule“, d.h. die Creator:innen kennen die Antworten nicht. Sie folgen (in der Regel) jedoch nicht der „Sincerity Rule“, d.h. sie sind keine aufrichtigen Fragen, weil die Fragenden gar nicht an den Antworten interessiert sind.

Das wird besonders deutlich, wenn man Accounts mit sehr großer Reichweite (zB.„@Tagesschau“) analysiert. Denn wenn es auf algorithmische Fragen Hunderte Antworten (in Form von Kommentaren) gibt, schließt alleine die Quantität der Interaktionen aus, dass inhaltlich angemessen gewürdigt werden kann, was User:innen schreiben. 

Anders ausgedrückt: Es kommt nicht darauf an, was geschrieben wird, sondern wie oft kommentiert und interagiert wird. 

Durch algorithmische Fragen werden User:innen von reichweitenstarken Accounts nach den Gesetzen der Plattformen zu wohlfeilen Klickarbeiter:innen instrumentalisiert. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass hin und wieder einzelne Kommentare exemplarisch gewürdigt werden (vgl. Notizen zur Machtstruktur des Web-Kommentars).

Vor dem Hintergrund dieser ersten Annäherung können grundsätzliche Fragen gestellt werden, die garantiert nicht algorithmisch sind:

  1. Welche Auswirkungen hat es, wenn Diskurse in der Masse durch algorithmische Fragen angestoßen werden, die häufig polarisierend („Bist Du für oder gegen ein Verbot von Smartphones in der Schule?“) oder banal („Was sind eure Gedanken?”) sind, komplexe Zusammenhänge aus dem Fokus nehmen und den Eindruck erwecken, man müsse sich jetzt und sofort inhaltlich positionieren?
  2. Wie reflektiert und verantwortungsvoll nutzen Creator:innen das (Macht-)Instrument der algorithmischen Frage? Sind sie sich der Mechanismen und der Gesetze der Plattformen bewusst, nach denen sie handeln?
  3. Wie reflektiert gehen User:innen mit algorithmischen Fragen um? Machen sie sich bewusst, dass sie freiwillig den Gesetzen der Plattformen folgen und dass (in der Regel) zwar ihre Klicks zählen, ihre Stimmen aber inhaltlich ungehört bleiben? 

    Was geht euch durch den Kopf, wenn ihr diesen Text lest? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Schreibt es in die Kommentare, lasst ein Like da und teilt den Beitrag in euren Netzwerken!

    6 Gedanken zu “Algorithmische Fragen. Eine erste Annäherung

    1. „… und wir alle spielten mit“ (aus dem Schlusschor der Fledermaus von Johann Strauss): der Prinz, Adele, der Schlafrock, alles Requisite 😎

    2. Spannender Gedanke. Andere Frage: Lässt sich Creator durch Lehrer*in zurück übersetzen? Sie nennen es ja mündliche Beteiligung…, oder?

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