Im Folgenden soll gezeigt werden, dass ein Posting, das gerade bei LinkedIn sehr viel Zuspruch erfährt, im Kern die Absurditäten einer Prüfungskultur verdeutlicht, die durch Verbote, Beschränkungen, falsche Vorstellungen von Wissen und Denken sowie präsentische Totalkontrolle geprägt ist.

(Quelle)
Die Begrenztheit von Papier
Interessant ist zunächst, dass ein einzelnes handbeschriebenes Blatt Papier als Hilfsmittel erlaubt wird.
Denn die Beschränkung auf ein einzelnes Stück Papier spiegelt im Kern die Prägung der Buchkultur durch die Endlichkeit und Begrenztheit von Papier wider: „Traditional knowledge has been an accident of paper“ (David Weinberger 2011, S. 211).
Studierende werden durch die DIN A4-Maße gezwungen, ihr Wissen in eine Form zu pressen, die mit der limitierten Fläche des Papiers kompatibel ist („Und wie winzig so manche/r schreiben kann“).
Natürliche vs. unnatürliche Technik
Dass dieser Prozess handschriftlich ablaufen muss, ist kein Zufall. Denn zur impliziten Logik der Prüfungskultur gehört ein Verbot von Technik. Genauer: ein Verbot von Technik, die noch nicht naturalisiert wurde.
Oralität, Skriptografie und Typografie gehören selbstverständlich zur Prüfungskultur, weil wir den technischen Charakter von Mündlichkeit, Handschrift und Buchdruck in der Regel ausblenden. Digitalität hingegen ist ein bedrohlicher, unnatürlicher Fremdkörper. Formen von Technik jenseits des Buchdrucks gelten in der Prüfungskultur daher vor allem als Formen des Betrugs.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass sich Studierende, denen erlaubt (!) wird, mit der Hand (!) auf ein einzelnes Stück Papier (!) zu schreiben, immer noch brav, kontrollierbar und systemkonform in den Grenzen der naturalisieren kulturhistorischen Paradigmen bewegen.
Die Erweiterung des Geistes
Die Tatsache, dass ein Posting über einen Spickzettel so viel Aufmerksamkeit erhält, lässt sich durch die implizite Logik traditioneller Prüfungen erklären.
Denn als eigenes Wissen gilt nur, was man „im Kopf“ hat und auf ein Stück Papier transferieren kann. Wer von einem Spickzettel abschreibt, verstößt gegen dieses Prinzip und hat möglicherweise gar nichts „im Kopf“.
Mit Clark und Chalmers („The Extended Mind“, 1998) kann man hier jedoch fragen, warum das Denken an der Schädeldecke aufhören sollte. Ihre Antwort: Es gibt keinen überzeugenden Grund dafür. Wenn ein Notizbuch, ein Zettel oder ein Gerät dieselbe Funktion erfüllt wie das biologische Gedächtnis, dann ist es Teil des kognitiven Systems und nicht dessen unerlaubte Erweiterung.
Wer aber den Geist über die Schädeldecke hinaus um genau ein DINA4-Blatt erweitern will, muss sich die Frage gefallen lassen, warum ausgerechnet dort wieder Schluss sein soll: Warum ein Blatt, aber kein Buch? Warum Papier, aber kein Netz?
Wenn traditionelle Prüfungen Wissen auf das beschränken, was jemand „im Kopf“ hat, ist das eine willkürliche Grenzziehung, die keiner kognitiven oder didaktischen Logik folgt, sondern einer administrativen. Sie markiert nicht, wo das Denken endet, sondern wo die institutionelle Kontrolle beginnt.
Präsentische Totalkontrolle
Diese Erkenntnis führt zum letzten Punkt. Denn die heitere Bemerkung über die verringerte Anzahl der Toilettengänge macht überdeutlich, dass präsentische Totalkontrolle eine Bedingung der Möglichkeit traditioneller Prüfungen darstellt: In einem Klima des absoluten Misstrauens werden alle Anwesenden unter Generalverdacht gestellt, sofort zu unerlaubten Hilfsmitteln zu greifen, wenn man sie nicht möglichst lückenlos überwacht. Der Toilettengang ist dann die einzige Möglichkeit, dieser Kontrolle temporär zu entgehen.
Durch ein handbeschriebenes Stück Papier ändert sich daran prinzipiell nichts. Weniger Toilettengänge sind kein Qualitätsmerkmal für sinnvolle Prüfungen. Die präsentische Totalkontrolle wird aufrecht erhalten, lediglich ihre Grenze verschiebt sich um ein DIN-A4-Blatt.
Positiv gewendet: Auch eine kleine Verschiebung der Grenze zeigt, dass sie beweglich ist. Und so könnte das Posting immerhin zum Anlass genommen werden, weitere problematische Strukturen sichtbar zu machen und grundsätzlich über die Rahmenbedingungen von Prüfungen nachzudenken.
Diese Art „Spickzettel“ habe ich meinen SuS auch immer vorgeschlagen, und diejenigen, die ihn genutzt haben, haben sehro profitiert. Es ist wurscht, ob handschriftlich oder mit kleiner Schrift am Computer befüllt.
Es ist kein Prüfungshilfsool. Es ist ein Prüfungsvorbereitungstool. Ein Lern- und Denktool. Denn es zwingt dazu, immer weiter auf das Wesentliche zu reduzieren, wenn man immer mehr Gegenstandsumfang und Zusammenhang (statt Details) notieren (und also zuerst denken) will.
Es ist Lerntechnik, die sich als Prüfungshilfsmittel bloß ausgibt
Naja, es kommt halt ganz auf das Ziel der Prüfung an. Wenn ich möchte, dass Studierende grundlegende formelle physikalische Zusammenhänge kennen und auch anwenden können, dann sollten sie das auch ohne Hilfsmittel hinbekommen. Ich kann von einem*r angehenden Ingenieur*in z.B. erwarten, die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Strom, Spannung, Widerstand, Leistung und Energie zu kennen und für weiterführende Berechnungen in komplexeren Schaltungen nutzen zu können, ohne jedesmal eine Formel in einer Formelsammlung nachschlagen zu müssen. Also sollten die Studierende diese Prüfung ohne Hilfsmittel schaffen.
Typischerweise hat man es aber mit mehr Formeln zu tun und der Fokus liegt eben nicht auf dem Wissen der auswendiggelernten Formeln, sondern im Verständnis und der Nutzungskompetenz dieser Formeln zur Berechnung oder Simulation komplexerer Zusammenhänge oder Schaltungen. Deshalb sind zumindest in den Ingenieurwissenschaften in Prüfungen erlaubte Formelsammlungen üblich. Wir hatten dafür früher, also vor mehr als 15 Jahren (auch als ich noch studiert habe), gedruckte Formelsammlungen an der Prüfung angeheftet. Hier ist mal ein Beispiel davon:
https://cloud.ovgu.de/s/c7XnqM8k5HkGRpA (Man beachte, dass diese PDF-Datei im Juli 2005 erstellt wurde).
Seit ich nach meinem Studium und meiner Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Prüfung verantwortlich war, also ab ca. 2012, sind wir jedoch auch zu selbst erstellten Formelsammlungen übergegangen, einfach weil ein extremer Lerneffekt darin liegt, sich als Student*in diese eigene Formelsammlung selbst zusammenzustellen, je nach eigenen Bedarfen und Schwerpunkten. Weil auch in der (didaktischen?) Reduktion ein Wert liegt, haben wir die Formelsammlung damals genauso auf ein A4-Blatt begrenzt, was mehr als ausreichend es, wenn man das mal mit der obigen gedruckten PDF-Datei vergleicht. Trotzdem gab es natürlich auch damals schon Leute, die sich dann komplette kochrezeptartige Lösungen von Übungs- oder alten Prüfungsaufgaben auf ihre „Formelsammlung“ geschrieben haben, in der Hoffnung, dass nun in der Prüfung eine genauso gestrickte Aufgabe drankommt, so dass man den Lösungsweg ohne weiteres Verständnis einfach so abschreiben kann und dabei maximal einige Zahlenwerte anpassen muss. So funktionieren aber keine ingenieurwissenschaftlichen kompetenzorientierten Prüfungen, denn eine Kompetenz ist eine Handlungsfähigkeit in einer Situation mit ergebnisoffenem Ausgang und wir machen in den Ingenieurwissenschaften eben kein „Teaching to the Test“ mit sehr ähnlichen Aufgaben in Übung/Tutorium und Prüfung. Ebenso gab es auch Studierende, die einfach die alte, gedruckte Formelsammlung handschriftlich abgeschrieben haben, eventuell ohne weiter darüber nachzudenken, was diese Formeln nun eigentlich genau bedeuten, unter welchen Bedingungen sie nutzbar sind oder ob es vielleicht auch noch andere Formeln gebraucht hätte.
In der Corona-Zeit hatten wir dann komplett unüberwachte Take-Home-Prüfungen, in denen die Studierenden naturgemäß alle Unterlagen und auch Computerprogramme wie MATLAB oder LTspice nutzen durften (siehe dazu auch https://mathiasmagdowski.wordpress.com/2021/05/05/online-take-home-elektrotechnik-pruefung/). Außerdem konnten sich die Studierenden natürlich auch untereinander austauschen. Dafür hatten wir die Aufgabenstellungen randomisiert und den Umfang bei gleicher Bearbeitungszeit von 9 auf 10 Aufgaben erhöht. Interessanterweise hat sich am Notenschnitt überhaupt nichts geändert.
Danach sind wir dann, auch auf Wunsch der Studierenden, wieder zu überwachten Prüfungen übergegangen und haben auch das Prinzip der Open-Book- und Open-Web-Prüfungen beibehalten, sind jedoch wieder zu gleichen, nicht randomisierten Aufgabenstellungen für alle Studierenden zurückgekehrt, einerseits um die Vergleichbarkeit zu erhöhen, andererseits um den Korrekturaufwand zu senken.
Seit ChatGPT & Co. kann man aber keine Open-Web-Prüfungen mehr durchführen, ohne den Schwierigkeitsgrad der Aufgaben drastisch zu erhöhen, was gerade im 1. und 2. Semester nicht sinnvoll ist, denn hier sollen die Studierenden ja die grundlegenden Rechen- und Anwendungskompetenzen entwickeln, mit denen sie später die KI-Ausgaben prüfen können.
Also führen wir jetzt die Prüfung überwacht als Open-Book-Variante im E-Prüfungszentrum des Universitätsrechenzentrums durch. Die Studierenden können dabei auch Computer mit MATLAB oder LTspice nutzen und auf alle ihre persönlichen und die allgemeinen Unterlagen im Moodle-Kurs zugreifen, aber nicht im Web surfen, keine Messenger nutzen und nicht „Chatti“ fragen. Die Studierenden sitzen nun also vor super mächtigen Rechenmaschinen mit fortschrittlicher mathematischer Software und spezifischen elektrotechnischen Simulationsprogrammen, deren Nutzung wir über beide Semester immer wieder demonstrieren und üben, nutzen diese interessanterweise aber kaum.
Stattdessen tippen sie Rechnungen auf ihrem Taschenrechner statt in MATLAB durch und nutzen die Computer eigentlich nur für eine Volltextsuche im Skript, im Buch oder in Ihren eigenen Übungsmitschriften, in der Hoffnung dort wiederum eine Übungsaufgabe oder ein Rechenbeispiel zu finden, das so ähnlich ist, wie das von der Prüfungsaufgaben und von dem man geschickt und ohne viel nachdenken „abschreiben“ kann. Das funktioniert aber typischerweise sehr schlecht, weil es sehr viele subtil verschiedene Aufgabenvarianten gibt, bei denen kleine Änderungen zu großen Unterschieden führen, und weil man für diese Suche, so effizient sie in digitalen Unterlagen vielleicht auch ist, trotzdem sehr viel Zeit „vertrödelt“, in der man die Aufgabe auch einfach so hätte rechnen können, wenn man denn die nötigen Formeln oder Zusammenhänge wüsste und sich daraus rasch eine passende Strategie zusammenbauen könnte. Darauf kommt es nämlich bei der Netzwerkberechnung oder Lösung ingenieurwissenschaftlicher Problemstellungen an, nicht auf die Nutzung der „Kochrezepte“ ähnlicher Probleme.
Ich finde deine Kritik prinzipiell gut. Man merkt aber, dass dir der tiefere Einblich in die spezifische Fachkultur ingenieurwissenschaftlicher Lehrveranstaltungen und Prüfungsformate fehlt.