KI-Feedback. Oder: die Entscheidung zwischen Skylla und Charybdis

Die EdTech-Industrie versucht seit einiger Zeit, einen verlockenden Traum zu verkaufen: KI-Tools nehmen uns Millionen Stunden Korrekturzeit ab und bringen endlich die Entlastung, auf die gestresste Lehrer:innen schon so lange hoffen und warten.

Übungsarbeiten sollen vollständig an die KI delegiert werden und die Lehrer:innen können endlich wieder durchatmen. Die aktuelle Forschung holt uns jedoch auf den Boden der Tatsachen zurück. Und sie zwingt uns in ein klassisches Dilemma.

Auf der einen Seite lauert Skylla: die Illusion der reinen Entlastung. Wer Feedback vollständig an KI-Tools delegiert, lässt den Lerneffekt verpuffen. Eine aktuelle Studie mit über 14.000 Schüler:innen liefert eine ernüchternde Zahl: 48 Prozent der Lernenden ändern nach personalisiertem KI-Feedback nicht ein einziges Zeichen an ihrem Text. Die erhoffte Entlastung wird mit dem Verlust des Lernens bezahlt.

Auf der anderen Seite wartet Charybdis: der Zeitfresser des echten Lernerfolgs. Damit KI-Feedback von den Lernenden überhaupt angenommen wird (die Forschung spricht von „Uptake“), muss es sorgfältig sozial in den Unterricht eingebettet werden. Empfohlen werden mehrstufige Modelle, in denen das KI-Feedback als Ausgangspunkt für Partnerarbeit und kritische Diskussionen im Plenum dient. Das Problem: Dieser anspruchsvolle Rollenwechsel der Lehrer:innen zur Lernbegleitung frisst genau die Zeit, die die KI einsparen sollte.

Vor diesem Hintergrund ist die Rede von Entlastung nichts weiter als ein wohlfeiles und empirisch nicht belegbares Verkaufsargument bzw. ein leicht durchschaubarer Marketing-Pitch der EdTech-Industrie.  

Übrigens: Wenn es um Bildung geht, sollten wir uns Odysseus und seine Entscheidung zwischen Skylla und Charybdis nicht zum Vorbild nehmen.

(Johann Heinrich Füssli: Odysseus vor Skylla und Charybdis.)

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