Unterricht mit der HPI-Schul-Cloud

In Nürnberg fand am 03. und 04. Dezember ein Digitalgipfel statt. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurde öffentlich eine Physik-Stunde gezeigt, in der die Schul-Cloud des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) eine zentrale Rolle spielt. Gezeigt werden sollte, wie moderner, zeitgemäßer Unterricht auf der Grundlage digitaler Technologie aussehen kann.

Um die folgenden kritischen Bemerkungen verstehen zu können, ist es notwendig, zunächst die Physik-Stunde mit der HPI-Schul-Cloud (Beginn bei 30m 32s) anzusehen.

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Quelle des Screenshots: https://www.mint-ec.de/aktuelles/blog-facebook/mint-ec-auf-digitalgipfel-in-nuernberg/

Aus pädagogischer und didaktischer Sicht gibt es einige allgemeine Gründe, gegenüber Bildungs-Clouds skeptisch zu sein. Für das Deutsche Schulportal hat Dejan Mihajlović einschlägige kritische Argumente prägnant zusammengefasst. Die Skepsis speziell gegenüber der Schul-Cloud lässt sich u.a. durch einen Hinweis auf den MOOC „Lernen 4.0“ begründen, der von Klaus Zierer und Christoph Meinel, dem wissenschaftlichen Direktor des HPI, konzipiert wurde und der auf fragwürdigen pädagogischen Ideen beruht, die mit zeitgemäßer Bildung nur schwer vereinbar sind (einige Kritikpunkte sind hier ausformuliert).

Wichtig:

Die folgende Kritik bezieht sich ausdrücklich nicht auf die Kollegin Anna Wagner vom Dürer-Gymnasium in Nürnberg oder gar die Schüler(innen). Im Gegenteil: Wenn es etwas gibt, das zeigt, wie sich die Schule im Rahmen einer Kultur der Digitalität (sensu Stalder 2017) präsentieren sollte, dann sind es die Bereitschaft und der Mut, den Klassenraum zu öffnen und Prinzipien des „Working Out Loud“ (Stepper 2015) zu befolgen. Hätte die Stunde hinter verschlossenen Türen stattgefunden, wäre die folgende Kritik gar nicht möglich gewesen.

Zur Kritik:

Die Stunde ist nicht schüler-, sondern lehrerinnenzentriert. Das lässt sich schon an einem technischen Detail erkennen: Nur die Lehrerin hat ein Headset, während alle Schüler(innen) mit einem einzigen Handmikro auskommen müssen. Entsprechend verteilt sind die Redeanteile, entsprechend einseitig sind die Kommunikationsrichtungen. Abgesehen von der Phase der Gruppenarbeit gibt es keinen Dialog zwischen den Schüler(inne)n, sondern nur zwischen der Lehrerin und einzelnen Schüler(inne)n. Unterstützt werden diese Formen des Frontalunterrichts durch die Fokussierung auf die Schul-Cloud-Oberfläche, die fast ständig – inkl. hervorstechendem Logo – auf dem großen Display zu sehen ist. Die Zusammenarbeit der Schüler(innen) beschränkt sich dann auf kurze Phasen, in denen gemeinsam eine Tabelle ausgefüllt werden kann (vermutlich nur dann, wenn die Lehrerin diese Funktion aktiviert).

Das Schul-Cloud-Interface gibt der Stunde einen festen Rahmen, der den Kontrollverlust minimiert, der auf der Seite des Lehrenden normalerweise mit dem Einsatz digitaler Medien verbunden ist. Was für viele zunächst wie ein didaktischer Vorteil klingt, ist auf den zweiten Blick ein gravierender Nachteil, weil die prinzipielle Offenheit des Unterrichts, die mit digitalen Medien möglich wäre, künstlich eingeschränkt wird. Dass ein Schüler z.B. etwas Überraschendes und fachlich Interessantes im freien Netz entdeckt und für alle auf dem Display sichtbar macht, ist im System nicht vorgesehen – viel zu groß ist die Angst davor, dass Schüler(innen) die Geräte missbrauchen.

Die Unterrichtsplanung mit der Schul-Cloud sorgt dafür, dass die verstaubten Prinzipien der radikalen Plandidaktik (vgl. Arn 2017, S. 22-24) nun digital neu aufgelegt werden. Zu Beginn der Stunde ist alles klar geregelt und schon in der Schul-Cloud „angelegt“: Die Ziele, die einzelnen Unterrichtsschritte, die „Freiräume“, in denen man Tabellen ausfüllen oder assoziieren darf. Prinzipien einer agilen Didaktik, die es erlauben, im Moment und als Resonanz auf die Lerngruppe zu entscheiden (vgl. Arn 2017, S. 23), sind im technisch-digitalen Korsett der Schul-Cloud nur sehr schwer umzusetzen. Dass Schüler(innen) vom abgespeicherten Schul-Coud-Weg abweichen, ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme.

Wenn Schülerinteressen in das Prokrustesbett der Schul-Cloud gepresst werden, bleibt von einem „mea-reas-agitur“-Bewusstsein wenig bis nichts übrig. Und so nimmt es nicht Wunder, dass es in der institutionell gegängelten Stunde kein bedeutsames physikalisches Problem zu entdecken gibt und dass nur durch Formulierungen wie  „Wir wollen uns überlegen….“, „Wir wollen uns jetzt die Masse vornehmen…“, „Dazu würde ich euch bitten…“, „Dazu habe ich etwas in der Schul-Cloud vorbereitet…“ etc. verhindert wird, dass die Schüler(innen) den direkten Weg zum Lernziel verlassen. Da ist es nur konsequent, dass auch die Hausaufgabe schon in der Schul-Cloud bereit liegt.

Vorläufiges Fazit:

Die Stunde zeigt keineswegs zeitgemäßen Unterricht, sondern konserviert – mit digitalen Feigenblättern – traditionelle Unterrichtsformen. Es steht daher zu befürchten, dass die Default-Nutzung der Schul-Cloud eine Form der palliativen Didaktik sein wird, die notwendige Veränderungen in die Richtung einer Kultur der Digitalität auf Jahre ausbremst.

#WiderspruchUndWeiterdenkenErwünscht

Literatur:

Arn, Christoph (2017): Agile Hochschuldidaktik. 2., überarbeitete Auflage. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Stepper, John (2015): Working Out Loud. For a better career and life. New York: Ikigai Press.


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